Ansprache Dr. Burkhart Veigel

Ich freue mich sehr, dass ich hier so viele bekannte Gesichter sehe, Freunde, mit denen ich mich ab und zu treffe, im Normalfall erst seit der Wende, weil wir alle in der Zwischenzeit ein Leben geführt haben, in dem die Mauer nicht ständig präsent war; ich freue mich aber auch über die vielen Gesichter, die ich jetzt 40 oder 50 Jahre nicht gesehen habe und die unsere Familie von Flüchtlingen und Fluchthelfern wieder etwas komplettieren; aber ganz besonders freue ich mich über die Gesichter, die ich noch nie gesehen habe, die genauso unter ihrer gelungenen Flucht gelitten haben wie die, die ich kenne. Ich freue mich über alle, die neu zu uns gestoßen sind, auch alle, die bei selbst organisierten Fluchten in die Freiheit kamen, und auch alle, die verhaftet und verurteilt wurden und jetzt den Weg zu uns gefunden haben. Und nicht zuletzt freue ich mich über alle Anwesenden, die unsere Grenzüberschreitungen nicht selbst erlebt haben, sich aber für uns und unsere Geschichte interessieren und in den verschiedenen Organisationen daran mitarbeiten, dass diese Geschichte nicht vergessen wird.

Wir haben uns heute hier getroffen, weil ich meine, dass der 13. August vor allem UNSER Feiertag ist: Wir waren die, die sich schon ganz früh für die Freiheit engagiert haben, als Andere noch die Brüder und Schwestern aus dem Osten wortreich, aber tatenlos bedauerten, und erst recht halte ich unser Symbol der Freiheit denen entgegen, die den „antifaschistischen Schutzwall“ als Friedenssicherung begrüßten und in ihrer Unfreiheit glücklich waren.

Ich darf meine Empfindungen so ausdrücken:

Es gibt Symbole der Diktatur: Mauer und Stacheldraht;
aber es gibt kein Symbol der pluralistischen Demokratie.
Es gibt Symbole der Unfreiheit: Hohenschönhausen, Bautzen II, der springende Schumann an der Bernauer Straße;
aber es gibt wenig Symbole der Freiheit!

Wir haben Freiheit nicht proklamiert oder angemahnt, wir haben sie gelebt und erlebt! Und stehen heute deshalb auch manchmal fassungslos da, wenn wir sehen, wie leicht manche Menschen die Freiheit für ihre Sicherheit hergeben.

Mit großer Trauer muss ich Ihnen berichten, dass am 10.6.2010 Dieter Thieme, einer meiner Lehrmeister und der jahrzehntelange ganz enge Freund von Detlef Girrmann, gestorben ist. Er war auch zuletzt stolz auf das, was er am Anfang der 60er-Jahre geleistet hat, und dass das in dem Buch von und über Uwe Johnson jetzt in der Öffentlichkeit besser bekannt und anerkannt wird. Viele von Ihnen haben ihn gekannt oder zumindest von ihm gehört. Ich möchte Sie bitten, sich für einen Moment des Gedenkens von Ihren Plätzen zu erheben.

Sie haben sich zu Ehren von Dieter Thieme erhoben. Ich danke Ihnen!

Es ist mir zum Schluss ein Bedürfnis, mich bei Pfarrer Fischer zu bedanken, der uns die Benutzung der Kapelle so rasch und unkompliziert ermöglicht und uns so freundlich begrüßt hat. Auch bei Frau Prof. Stahmer möchte ich mich bedanken, dass sie heute zu uns gekommen ist, um uns einige Worte aus politischer Sicht zuzurufen.

Einige von Euch möchte ich noch besonders begrüßen: Detlef Girrmann, der trotz seiner angegriffenen Gesundheit und trotz der Trauer über den Tod seines besten Freundes den Weg von Erfurt hergefunden hat; Hartmut Richter, der in Berlin an allen Fronten für unsere Ideale der Freiheit kämpft; Hasso Herschel, Uli Pfeifer, Achim Rudolph, Achim Neumann, die „Vielfach-Tunnelgräber“ der Bernauer Straße; dazu viele andere Tunnelgräber und „Pass-Fälscher“, ganz viele Flüchtlinge auf allen möglichen Wegen, und nicht zuletzt Dietmar Arnold, den Leiter der Berliner Unterwelten, und sein tolles Team, die die Führungen vorher zu den Tunneln organisiert haben – ja ich möchte Euch alle noch einmal ganz herzlich begrüßen!

Gestern hat Frau Dr. Nooke von der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße einen Abend organisiert, an dem Briefe von gerade Geflüchteten vorgelesen wurden. Sie haben mich vor allem deshalb berührt, weil ich hier nahezu identische Gefühle herausgehört habe, die auch mich nach der hermetischen Abriegelung der Grenzen bewegten: Auch ich stimmte dem Satz „Lieber tot als rot!“ bedingungslos zu, auch ich hasste diesen Staat und seine Vertreter; zwei Dinge, die man heute nicht mehr in den Mund nehmen würde – weil die Zeiten so total unterschiedlich sind wie sie nur sein können: Es gibt nach der friedlichen Revolution und nach dem Fall des Kommunismus keinen kalten Krieg mehr in Mitteleuropa, und allein da lässt unsere früheren Gedanken heute wie Monster aussehen. Aber diese Gedanken sind genauso wahr wie unsere heutigen; sie entstammen einfach einer anderen Zeit; und sie haben uns motiviert, Dinge zu tun, auf die wir heute noch mit Recht stolz sind!

Und weil wir stolz sind, und weil wir beim 13. August auch an Freiheit denken, für die wir eingetreten sind, dürfen wir an einem solchen Tag auch feiern. Und das tue ich sehr gerne mit Ihnen allen zusammen hier und jetzt!

Ich darf Ihnen jetzt Frau Prof. Stahmer, die nächste Rednerin, vorstellen:

Frau Prof. Ingrid Stahmer war von Januar 1989 bis 1999 Senatorin für verschiedene Bereiche im Berliner Senat, insgesamt für Gesundheit, Soziales, Schule, Jugend und Sport. 1989/1990 war sie auch Bürgermeisterin, d.h. Stellvertreterin des Regierenden Bürgermeisters. IHR in erster Linie fiel es als Sozial-Senatorin zu, für den Strom von Flüchtlingen vor der Wende Unterkünfte zu schaffen, als das Notaufnahmelager überfüllt war: Sie fand  Turnhallen und die zugehörigen Hausmeister von Schulen, sie fand Notbetten, sie fand Decken, und sie fand karitative Organisationen, die sich um das leibliche Wohl der vielen „Übersiedler“ und der vielen vom DDR-Sozialismus Geschädigten und Enttäuschten kümmerten.

Nach der Wende ging es zunächst darum, innerhalb von 10 Tagen 10 Millionen neugierige Besucher West-Berlins aus der ganzen DDR zu begrüßen und das vielfältige Chaos der Warteschlangen für das Begrüßungsgeld, der fehlenden Toiletten und der längst nicht ausreichenden Verkehrsmittel so zu organisieren, dass das übervolle West-Berlin noch bewohnbar blieb. Auch wurden zwischen Ost und West Partnerschaften und Patenschaften eingerichtet, und es fanden vielfältige Treffen statt, um die Menschen aus den beiden Stadtteilen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Gerade in der kritischen Phase des Umbruchs war es vor allem IHR und ihrem unermüdlichen Engagement zu danken, dass die friedliche Revolution des Ostens im Westen eine glückliche Antwort fand. Heute hilft sie als Beirat der Gedenkstätte mit, die Erinnerung an diese bewegenden Monate, aber auch an die Schrecken einer menschenverachtenden Diktatur, wach zu halten.

 

 

Zum Schluss unserer kleinen Feier – noch mal: wir feiern bitte uns, nicht den Bau der Mauer! – darf ich Ihnen noch einige Informationen geben:

Sie sind ja alle Zeitzeugen, und die Stiftung Aufarbeitung sammelt die Menschen, die die Mauer und ihre Folgen noch erlebt haben. Wir haben alle unser eigenes Schicksal, wir sollten aber auch daran denken, dass wir unsere Erinnerungen für die Nachwelt, für die Jugend, die sich unsere Geschichte kaum noch verstellen kann, erhalten. Die Stiftung Aufarbeitung könnte dann bei dem Einen oder Anderen von uns einmal anfragen, ob er bereit wäre, seine Geschichte z.B. einer Schulklasse zu erzählen. Deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie von der jungen Dame im Hintergrund, Frau Dr. Wüstenhagen von der Stiftung Aufarbeitung, ein Anmeldeformular erbitten und sich dann auch bei ihr anmelden würden. Vielen Dank!

Im Anschluss treffen wir uns, alle die Lust dazu haben, beim Italiener am Gesundbrunnen. Er heißt Bella Italia in der Brunnenstraße 104, am U-Bahnhof Brunnenstraße, zwei Stationen weg vom U-Bahnhof Bernauer Straße, an dem wir uns getroffen haben. Ich würde mich freuen, wenn wir uns und unsere Vergangenheit dort noch etwas feiern könnten! Ich wünsche Ihnen dabei tolle Gespräche und aufregende Erinnerungen – und ganz viel Spaß!