Vortrag Dr. Burkhart Veigel

Vorstellung von Herrn Veigel durch Frau Nooke:

Dr. Burkhart Veigel hatte und hat 4 Leben:

  • im ersten ging er mit 15 weg von zu Hause und schlug sich alleine durch bis zum Abitur;
  • im zweiten studierte er Medizin, Jura und Soziologie - und war einer der erfolgreichsten Fluchthelfer in Berlin,
  • im dritten war er 30 Jahre lang niedergelassen als Orthopäde, spielte 30 Jahre in einem großen Orchester mit und entwickelte Software für Ärzte; und
  • im vierten forscht und schreibt er jetzt über die DDR, die Mauer und seine Fluchthilfe in den 60er-Jahren.

In diesem Zusammenhang kam ihm die Idee, dass man zum Jubiläum des Mauerfalls auch und vor allem die zum Feiern einladen sollte, die sich schon sehr früh für die Freiheit entschieden haben. Und deshalb haben wir uns heute hier getroffen.

Ich freue mich sehr, dass ich hier so viele bekannte Gesichter sehe, Freunde, mit denen ich mich ab und zu treffe, im Normalfall erst seit der Wende, weil wir alle in der Zwischenzeit ein Leben ohne Mauer geführt haben; ich freue mich aber auch besonders über die vielen Gesichter, die ich jetzt 40 oder 50 Jahre nicht gesehen habe und die unsere Familie wieder etwas weiter komplettieren; aber ganz besonders freue ich mich über die Gesichter, die ich noch nie gesehen habe, die genauso Flucht und Freiheit erlebt haben, zu ganz anderen Zeiten, selbst organisiert, oder verhaftet und verurteilt. Wir haben uns heute hier getroffen, weil ich meine, dass der 9.11.09 vor allem UNSER Feiertag ist: Wir waren die, die sich schon ganz früh für die Freiheit engagiert haben, als Andere noch die Brüder und Schwestern aus dem Osten wortreich, aber tatenlos bedauerten oder der antifaschistische Schutzwall als Friedenssicherung begrüßt wurde.

Ich darf das so ausdrücken:

Es gibt Symbole der Diktatur: Mauer und Stacheldraht;
aber es gibt kein Symbol der pluralistischen Demokratie.
Es gibt Symbole der Unfreiheit: Hohenschönhausen, Bautzen II, der springende Schumann an der Bernauer Straße;
aber es gibt kein Symbol der Freiheit!

Aber nein, das stimmt doch nicht so ganz: Wir habe die Freiheits-Statue in den USA, aber wir haben seit heute vor allem UNS! WIR stehen für die Freiheit! Unser Wille, frei zu sein, war unser Motor, der uns zu Taten bewegt hat, die heute noch vielen Nachgeborenen das Blut in den Adern gefrieren lässt!

Und deshalb wäre es schön, wenn wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden würden als die Gruppe von Menschen, die für erlebte und erarbeitete Freiheit steht! Wir haben Freiheit nicht proklamiert oder angemahnt, wir haben sie gelebt und erlebt! Und stehen heute deshalb auch manchmal fassungslos da, wenn wir sehen, dass manche Menschen für ihre Sicherheit ihre Freiheit hergeben. Das erinnert mich doch sehr an das Bild des Sklaven, der nie aus seiner Rolle des Gedemütigten herauskommt, weil ihm diese Rolle zu lange eingetrichtert wurde.

Ich würde mich freuen, wenn wir uns - vielleicht zum 13.August 2010? - wieder treffen könnten, einfach, um in der Öffentlichkeit, bei den Medien und in der Politik als Menschen wahrgenommen zu werden, die durch ihre ganz eigene Vergangenheit heute einen besonderen Blick auf die DDR, auf den Fall der Mauer und auf die Wiedervereinigung haben! Wir sind dankbar für die Demokratie, den Wohlstand für unglaublich Viele - und die Freiheit, dass wir heute ohne Indoktrination denken und sagen können, was wir wollen! Ich kann dazu gerne Eure Adressen sammeln; schreibt oder mailt mir, damit ich das für zukünftige Dinge festhalten kann.

Es ist mir zum Schluss ein Bedürfnis, Einige von Euch noch besonders zu begrüßen: in erster Linie die Referentinnen, denen ich ganz herzlich für ihr Engagement danke; Peter Wester, der extra aus New York zu uns gekommen wir, genau wie Hillary Clinton, nur nicht so bequem; Hartmut Richter, der in Berlin an allen Fronten für unsere Ideale der Freiheit kämpft; Detlef Girrmann und Dieter Thieme, die Urväter der Fluchthilfe und z.B. meine Lehrmeister, von denen ich alles gelernt habe, was ich damals gebraucht habe; Bodo Köhler, dem ich genauso viel verdanke, ist leider schon gestorben; Hasso Herschel, Uli Pfeifer, Achim Rudolph, Achim Neumann, die "Vielfach-Tunnelgräber" der Bernauer Straße; dazu viele andere Tunnelgräber und "Pass-Fälscher", ganz viele Flüchtlinge auf allen möglichen Wegen, nicht zuletzt Dietmar Arnold, den Leiter der Berliner Unterwelten, der uns zu unserer Nachfeier eingeladen hat - ja ich möchte Euch alle noch mal ganz herzlich begrüßen!

Wir sollten jetzt rausgehen und uns im Abschnitt Brunnenstraße bis zur Ruppinerstraße entlang der ehemaligen Mauer aufstellen, eine Menschen- und Lichterkette bilden. Danach sind viele von uns vom Verein Berliner Unterwelten eingeladen, in ihren Räumen am Gesundbrunnen noch etwas zu feiern. Ich wünsche Euch Allen ganz viel Spaß und Wiedersehensfreude dabei!