Dr. Burkhart Veigel: Eröffnungsrede

Unsere letztjährige Frühjahrstagung mit dem Titel „Aufarbeitung der Aufarbeitung“, organisiert von Ines Geipel und Andreas Petersen, hat mir und den vielen anderen interessierten Teilnehmern sehr gut gefallen, und als es sich durch einige Zufälle ergab, dass ich zur diesjährigen Tagung etwas beitragen könnte, dachte ich zunächst daran, das Thema Aufarbeitung aufzugreifen, z.B. durch das Aufzeigen der unterschiedlichen Aufarbeitung in Deutschland und anderen europäischen Staaten. Als ich aber auf einer Tagung in Höhenschönhausen Frau Heuling und Herrn Hansen sprechen hörte, und als ich in der Folge noch einige Gespräche mit Frau Heuling hatte, dachte ich eher an ein Thema in der Art: Erst aufklären, dann aufarbeiten. Um unsere Freunde nicht abzuschrecken, haben wir dann den „harmloseren“ Titel für die Tagung genommen: „20 Jahre wiedervereinigt – Versuch einer Bestandsaufnahme“.

Aber das Grundmotto unserer Tagung bleibt trotzdem, der Aufarbeitung die Aufklärung voranzusetzen. Aufarbeiten heißt ja, festzustellen, dass das und das nicht gut war, dass das und das nicht funktioniert hat; aufklären heißt, zu klären, ob es grundsätzlich eine Chance gab, dass es hätte funktionieren können, mit etwas mehr gutem Willen, unter anderen Umständen etc.. Wenn dabei herauskommt, dass die Ideen des Kommunismus an sich richtig und gut waren, nur die Ausführung schlecht, sollte man überlegen, welche Faktoren ein Gelingen verhindert haben und ob es möglich wäre, diese Faktoren zu ändern. Wenn aber dabei herauskommt, dass es so oder so nie hätte gelingen können, von Anfang an, dann sollte man den Müllhaufen der Geschichte, auf dem der Kommunismus z.Z. liegt, nicht noch einmal aufsuchen, um die Scherben eines vergangenen Systems zusammenzukleben. Und wenn trotzdem jemand dieses Bedürfnis hat, kann man das einordnen unter der Rubrik: Die Menschen träumen eben lieber als dass sie denken.

Alle müssen träumen dürfen, von einer besseren Welt, vom Kommunismus, von einer universellen Gleichheit, von einer antikapitalistischen Welt, von einer antifaschistischen Welt, von einem Verschwinden der NATO, vom ewigen Frieden, davon, dass alle Arbeit haben. Wir sollten nur wissen, dass das alles Schlupflöcher für unsere Seele sind, in denen sie sich kurz erholen kann und darf; so haben auch Träume ihren berechtigten Platz. Aber unsere Aufgabe bleibt unverändert, die Welt so, wie sie ist, zu begreifen und das Beste aus ihr zu machen – für ALLE Menschen, mit denen wir doch in einem Boot sitzen!

In diesem Sinne habe ich versucht, den Ist-Zustand darzustellen durch die ersten Referate, und danach ein philosophisch-politisches Seminar durchzuführen zu einigen grundlegenden Ideen, die z.Z. gängiges Gedankengut sind, sich aber auch in der Ideologie von Diktaturen – wie den kommunistischen – wiederfinden. Ich hoffe, dass wir auf diese Weise zu unbestechlichen Argumenten kommen, denen die Nostalgiker eines gescheiterten Kommunismus, die Täter von damals und die wohlgemuten Ahnungslosen nicht viel entgegensetzen können. (Zur Erklärung, was ich unter wohlgemuten Ahnungslosen verstehe, lasse ich gerne Paul Spiegel sprechen: „Man kann nicht a priori Nein zum Krieg sagen. Die Konzentrationslager wurden auch nicht von Friedensdemonstrationen befreit, sondern von der Roten Armee.“ Ich meine also die Mitmenschen damit, die mit Lichterketten alle Probleme der Welt lösen, mit einem beträchtlichen Engagement, aber ohne ausreichende Informationen und ohne für diese Probleme ausreichenden Verstand).

Nachdem die juristische Aufarbeitung gescheitert ist und scheitern musste, sollten wir darauf dringen, eine moralische Aufarbeitung zu fördern mit dem Ziel, dass die Kinder und Klassenkameraden der Stasi- und SED-Täter ihre Eltern und Freunde fragen „Was hast Du getan? Wie kannst Du das rechtfertigen? Was können wir tun, um das Leid der Opfer wenigstens etwas zu lindern?“

Da wir alleine, wenn auch gut munitioniert mit den Ergebnissen der Tagung, nicht in der Lage sein werden, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, wollte ich das Thema auch an die Politik weitergeben: Vielleicht können wir den Politikern geistige Munition liefern, vielleicht können sie aber auch uns sagen, was wir unternehmen können und sollten, um die moralische Aufarbeitung vorwärts zu bringen.

Wenn wir das erreicht haben, werde ich glücklich sein! Deshalb wünsche ich der Tagung einen gelungen Verlauf mit vielen rauchenden Köpfen, heißen Diskussionen und glücklichen Abenden und Nächten!