Vorstellung Frau Lydia Steffen

Die Eltern von Frau Steffen waren schon immer Sozialdemokraten, auch während der Zeit des Nationalsozialismus. Deshalb setzten sie zunächst große Hoffnungen auf eine antifaschistische SBZ. Vor allem ihre Mutter sah aber schon 1946, dass die Sowjetunion selbst eine Diktatur war und dem Vasallenstaat eine neue Diktatur aufzwang, die kein Haar besser war als die der Faschisten.

Die Mutter wurde 1946 bei den letzten einigermaßen freien Wahlen Bezirksverordnete der SPD in Weißensee, konnte die Funktion aber kaum wahrnehmen. So blieb nur ein Ausweg: Der Vater und 3 der 4 Kinder gingen in den Westen, Lydia Steffen noch aus einem besonderen Grund: Sie flog mit 15 Jahren von der Oberschule, weil sie sich in einem Aufsatz über ein sowjetisches Heldenepos kritisch geäußert hatte. Mit ihr wurde rund die Hälfte der Klasse unter verschiedenen Begründungen von der Schule geworfen. Sie ging deshalb als Grenzgänger-Schülerin weiter zur Schule in West-Berlin, machte da das Abitur und schlug eine Beamtenlaufbahn in West-Berlin ein.

Fluchthilfe und Flucht im August 1961

Von den Absperrungen am 13.8. erfuhr ich bereits um ca. 5.30 Uhr durch einen Anruf meines Bruders Norbert (Westberliner wie ich). Der damals 24-jährige war in der Nacht vom 12. zum 13. mit etlichen Freunden aus Ost und West um die östliche Friedrichstraße herum auf Vergnügungstour. Dabei bekamen die jungen Leute in den frühen Morgenstunden den Beginn der Sperrmaßnahmen mit. Mit einem der letzten durchgehenden Züge erreichten sie Westberlin. Einige der Ostberliner Freunde fuhren gleich mit und trafen damit in wenigen Minuten eine ihr Leben verändernde Entscheidung. Mein Bruder wollte wissen, ob unser jüngster Bruder Ini (22 Jahre, Ostberliner) bei mir wäre. Er war es nicht, was bedeutete, daß er zusammen mit unserer Mutter in Weißensee festsaß.

Wie viele Berliner hatten wir längst damit gerechnet, dass die DDR etwas Gravierendes unternehmen würde, um die Flucht ihrer Bürger zu stoppen. Aber dass man Berlin völlig durchtrennen könnte, war nicht vorstellbar.

Die Reportagen, die an diesem frühen Sonntagmorgen über die Westberliner Sender liefen, lösten Fassungslosigkeit und Entsetzen aus. Als von den westlichen Alliierten keine Reaktion kam, glaubte ich zunächst an eine bürokratische Panne. Womöglich hatte man so früh und auch noch an einem Sonntag niemanden, der Entscheidungsbefugnisse hatte, erreichen oder aus dem Bett kriegen können! Aber schließlich begriff ich: Die DDR- Absperrungen des Ostsektors sind auf Dauer ausgelegt und die Westmächte werden nicht einschreiten. Verzweiflung und das Gefühl „jetzt lässt uns die ganze Welt im Stich“ machten sich breit.

Diese Empfindungen schlugen dann aber mehr und mehr in Wut um. Ich sagte mir: Nein, das nehme ich nicht einfach tatenlos hin. Ich kann den Gang der Geschichte zwar nicht aufhalten, aber ich werde mich wehren und tun, was mir möglich ist.

Ich war damals Personalsachbearbeiterin (Beamtin) im Rathaus Kreuzberg. Am 15.8., als ich in meinem Büro saß, verbreitete sich das Gerücht, dass die DDR demnächst Westberliner nur noch mit Passierschein in den Ostsektor lassen würde. Da klingelten bei mir alle Alarmglocken. Ich ging zu meinem Chef, dem damaligen Bürgermeister Willy Kressmann, und meldete mich mit der Erklärung ab, ich müsse jetzt meinen Bruder aus dem Ostsektor herausholen. Er sagte dazu nur „Melde Dich, wenn Du wieder im Westen bist, sofort tel. in meinem Sekretariat zurück!“

Ich suchte meinen Bruder Norbert auf seiner Neuköllner Arbeitsstelle auf und ließ mir seinen Personalausweis – ein schrecklich vergammeltes Ding , auf dem nicht mehr alles deutlich zu lesen war (was ich nicht für ungünstig hielt) – geben, um damit unseren jüngsten Bruder aus dem Osten herauszubringen.

Die beiden Brüder sahen sich  – abgesehen von den differierenden Augenfarben blau und braun -  ziemlich ähnlich, und ich hoffte einfach, dass die Unterschiede bei einer Kontrolle nicht bemerkt werden würden.

Zweifel daran, dass Ini aus dem Osten weg wollte, gab es eigentlich nicht. Er war bereits seit längerer Zeit Grenzgänger und  hatte schon einmal – ich glaube als 16-jähriger - 5 Monate im Knast verbracht, nachdem er zusammen mit anderen Jugendlichen in einem politischen Schauprozess wegen Zusammenrottung und Landfriedensbruch verurteilt worden war.

Dennoch konnte ich nicht sicher sein, ob er eine Flucht mit dem Ausweis seines älteren Bruders wagen würde. Für den Fall, dass er dazu nicht bereit wäre, wollte ich wenigstens noch etwas für die Versorgung von Mutter und Bruder in Weißensee getan haben. Deshalb tauschte ich  Westgeld in Ostgeld um und versteckte es u.a. in meiner (damals modernen) Hochfrisur. Außerdem kaufte ich auch begehrte Westwaren – Südfrüchte, Kaffee und Zigaretten – ein. Ich transportierte sie in einem offenen Netz in der Hoffnung, dass sich die Grenzkontrolle darauf fixieren und von weiteren Untersuchungen – etwa meiner Handtasche – absehen würde.

Als Grenzübergang wählte ich den U-Bahnhof Friedrichstraße. Auf die dort postierten Vopos ging ich mit großer Selbstsicherheit zu, denn meine innere Stimme sagte mir ständig: Alle Menschenrechte sind auf deiner Seite, niemand wird dich aufhalten.

Tatsächlich war es auch so. Die jungen Vopos warfen nur einen flüchtigen Blick auf meinen Ausweis und ließen mich passieren.

Als ich in Weißensee ankam, war Ini nicht zu Hause. Er hatte sich schon mit der Unveränderlichkeit der Lage abgefunden und wieder Arbeit als gelernter Kupferschmied in Weißensee aufgenommen.

Ich mußte also einige Stunden auf ihn warten. Als er nach Hause kam und ich ihm den Ausweis seines Bruders zeigte, ging alles ganz schnell. Wir kontrollierten, daß an seiner Ausstattung absolut nichts auf östliche Herkunft schließen ließ, und die Hosentaschen wurden mit Westzigaretten (er war starker Raucher) bestückt.

Wir beschlossen, zusammen über den Kontrollpunkt Friedrichstraße/Zimmerstraße nach Westberlin zu kommen.

Ich hielt diesen Übergang für geeignet, weil er von Kreuzberg aus voll einsichtig war und ich zumindest sicher sein wollte, dass eine eventuelle Festnahme dort registriert werden würde.

Wir fuhren mit der BVG bis zur Leipziger Str. Ecke Friedrichstr. Dann gingen wir zu Fuß die Friedrichstraße entlang in Richtung Grenze.

Es herrschte dort am späten Nachmittag eine merkwürdige Stille auf dem letzten Stück Osten der Friedrichstraße. Mir wurde plötzlich bewusst, was für ein auffälliges Paar wir hier waren. Jung, blond, groß (Ini 1,88 m), attraktiv. Ich fühlte, dass wir aus vielen Augen beobachtet wurden (Stasi war unübersehbar präsent).

Als wir uns in Höhe der Mauerstr. befanden, setzten sich mehrere Vopos in Bewegung. Ich flüsterte meinem Bruder noch schnell zu, dass er keinen Ton sagen und lieber rauchen solle; wenn es etwas zu reden gäbe, würde ich das machen.

Die Vopos bildeten einen Kreis um uns. Der leitende Offizier forderte uns auf, uns auszuweisen. Er unterzog uns einem Verhör, das in etwa so ablief:

Er:  Sie heißen beide Buchwald. Sind Sie verwandt?

Ich: Ja, wir sind Geschwister, sieht man doch, nicht wahr?

Er:  Wo kommen Sie jetzt her?

Ich: Aus Weißensee.

Er:  Was haben Sie da gemacht?

Ich: Einen Besuch.

Er:  Bei wem?

Ich: Bei unserer Mutter.

Er:  Sie sind beide Westberliner und Ihre Mutter wohnt in Weißensee?

Ich: Ja, das ist in dieser Stadt nichts Ungewöhnliches. Wir sind volljährig und längst aus dem Haus.

Er:  Besuchen Sie Ihre Mutter oft?

Ich: Na, künftig wahrscheinlich wesentlich häufiger, denn sie kann ja nun nicht mehr zu uns kommen.

Er:  Sie sind also richtige Berliner?

Ich: Ja, das stimmt.

Er plötzlich: Wissen Sie, ich heiße nämlich auch Buchwald, ich bin aber kein Berliner (er sagte auch noch, woher er kam, aber das ist mir inzwischen entfallen).

Der Offizier betrachtete weiterhin den Ausweis meines Bruders. Es herrschte Stille. Um die zu unterbrechen, sagte ich: Ja, ja, der Ausweis sieht ziemlich mitgenommen (!) aus. Ich habe meinem Bruder schon lange gesagt, er solle sich mal einen neuen machen lassen.

Er:  Ja, das dürfte wohl notwendig sein. Sie können gehen (er gab uns die Ausweise zurück)!

In Westberlin angekommen, meldete ich mich tel. im Sekretariat von Willy Kressmann. Dann  fuhren wir zu unserem Bruder Norbert in die Görlitzer Str. in Kreuzberg, wo uns lautstarker Beifall empfing. Seine Ladenwohnung war voll belegt mit  jungen Leuten aus Ostberlin,  die noch während der ersten Absperrmaßnahmen flüchten konnten.

 

Am nächsten Tag, dem 16.8., holte ich mit der Ausweismasche unsere 59-jährige Mutter in den Westen. Das war eine Verzweiflungshandlung und alternativlos.

Meine Mutter hatte sich im April 1946 der Zwangsvereinigung von KPD und SPD widersetzt und war bei den ersten und letzten freien Wahlen am 20.10.1946 für die SPD in die Bezirksverordnetenversammlung Weißensee gewählt worden. Sie war in all den rückliegenden Jahren Druck und Bespitzelung ausgesetzt gewesen.

 

Offenbar in einer Art Rauschzustand, hielt  ich mich am nächsten Tag für fähig, noch ein letztes Mal auf Tour zu gehen. Ich fragte Willy Kressmann: Kennen Sie einen politisch besonders gefährdeten Menschen im Ostsektor und könnten Sie mir für den einen ordentlichen Ausweis verschaffen? Seine Reaktion: Weißt Du was? Du kannst mal wieder arbeiten gehen!

Und damit war meine kurze Karriere als Fluchthelferin beendet.