Vortrag von Prof. Ingrid Stahmer
Frau Stahmer hielt ihren Vortrag wieder – wie beim letzten Mal – völlig frei, losgelöst von dem Konzept, das sie sich gemacht hatte. Aus ihren Unterlagen und einigen Gesprächen kann der Inhalt wie folgt wiedergegeben werden:
Die unterschiedliche Sozialisation in Ost und West wurde für Viele erst nach den Jubelfeiern in der Folge des 9. November 1989 sichtbar,
- wenn sie am selben Tisch saßen und die gleiche Arbeit verrichteten, aber unterschiedlich bezahlt wurden,
- wenn die Einen vor allem wirtschaftlich aufholen und auf das Niveau der Anderen kommen wollten, die Anderen aber ihr Niveau um jeden Preis halten wollten,
- wenn sie feststellten, dass sie zwar den gleichen Beruf, aber ganz unterschiedliche Ausbildungen dafür hatten,
- wenn die einen Frauen fragten, in welche Kita sie jetzt ihr Kind schicken sollten, um weiterarbeiten zu können, die anderen aber wegen der gut ausgebildeten „Zuwanderer“ und der global einsetzenden Deindustrialisierung ihre Arbeit verloren,
- wenn sie soziale Fragen berührten, dabei aber zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kamen.
Diese und ähnliche Schwierigkeiten hatten auch alle Flüchtlinge, die seit dem Bau der Mauer in den Westen kamen. Aber sie gingen sie in der überwältigenden Mehrheit als Folge einer persönlichen Entscheidung aktiv an, passten sich dem westlichen System an, arbeiteten häufig mehr als ihre Kollegen, diskutierten mit und brachten sich und ihre Sichtweise der Dinge in ihre neue Umgebung ein, waren stolz auf das, was sie geleistet hatten und noch leisteten.
Der plötzliche Mauerfall und die bald folgende Vereinigung betraf aber alle in Ost und West; es waren keine individuellen Entscheidungen. In einer solchen Situation seine Identität in einem gemeinsamen Deutschland wieder zu finden, erfordert Zeit, Geduld und viel Aufeinanderzugehen. In Berlin hatten wir mehr Gelegenheit dazu, viele individuelle Gespräche zu führen, miteinander Erfahrungen zu machen und gegenseitige Empathie zu entwickeln als im Rest der Republik, sei es in Leipzig oder in Bonn. Auch deshalb ist es wichtig, den Schleier von den Fluchtgeschichen zu nehmen und auch die Zeit von 1961 bis 1989 als gemeinsame Geschichte zu begreifen."