Vortrag Prof. Ingrid Stahmer

Frau Stahmer konnte erst gegen 20 Uhr zu unserem Treffen kommen, weil sie im totalen Verkehrsstau stecken geblieben war. Sie hielt ihren vorgesehenen Vortrag dann noch in den Räumen der Berliner Unterwelten bei unserer "Nachfeier". Da das, was sie für Berlin getan hat, vielleicht nicht jedem Teilnehmer präsent war, sollte sie von Pfarrer Fischer zuerst vorgestellt werden:

Frau Prof. Ingrid Stahmer war von Januar 1989 bis 1999 Senatorin für verschiedene Bereiche im Berliner Senat, insgesamt für Gesundheit, Soziales, Schule, Jugend und Sport. 1989/1990 war sie auch Bürgermeisterin, d.h. Stellvertreterin des Regierenden Bürgermeisters. IHR in erster Linie fiel es zu, den Strom der Flüchtlinge vor der Wende zu kanalisieren: Sie fand Turnhallen und die zugehörigen Hausmeister von Schulen, sie fand Notbetten, sie fand Decken, und sie fand karitative Organisationen, die sich um das leibliche Wohl der vielen "Übersiedler" und der vielen vom Sozialismus Geschädigten und Enttäuschten kümmerten.

Nach der Wende ging es darum, innerhalb von 10 Tagen 10 Millionen neugierige Besucher West-Berlins aus der ganzen DDR zu begrüßen und das vielfältige Chaos der Warteschlangen für das Begrüßungsgeld, der fehlenden Toiletten und der längst nicht ausreichenden Verkehrsmittel so zu organisieren, dass das übervolle West-Berlin noch bewohnbar blieb.

Gerade in der kritischen Phase des Umbruchs war es vor allem IHR und ihrem unermüdlichen Engagement zu danken, dass die friedliche Revolution des Ostens im Westen eine glückliche Antwort fand. Heute hilft sie als Beirat der Gedenkstätte mit, die Erinnerung an diese bewegenden Monate, aber auch an die Schrecken einer menschenverachtenden Diktatur, wach zu halten.

Vortrag (liegt leider nicht schriftlich vor; deshalb nur sinngemäß und stark gekürzt):

Einleitend sagte Frau Stahmer, dass sie durchaus eine VIP-Karte zur offiziellen Feier der Stadt Berlin am Brandenburger Tor habe, zusammen mit Gorbatschow, Sarkozy, Hillary Clinton etc., dass sie aber lieber zu uns gekommen sei, weil unser Anliegen auch das ihre sei: für die Freiheit einzustehen. (großer Beifall) Sie selbst stehe für ein selbst bestimmtes Leben in der Gemeinschaft und für die Freiheit von Ungerechtigkeit und Aussonderung. Sie habe sich deshalb sehr über die Einladung von Burkhart Veigel gefreut, und es sei ihr eine Ehre, hier reden zu dürfen.

Dann stellte sie fest, dass es für die Jahre 1961 bis ca. 1975 historisch eine Lücke der Wahrnehmung gäbe. Für diese Jahre, in denen die DDR die Daumenschrauben besonders eng an-gezogen hatte, hätte man keine oder fast keine Zeitzeugnisse, keine Schilderungen, wie es der Bevölkerung in Ost und West gegangen sei. Deshalb sei es jetzt unsere Aufgabe, die Aufgabe der Flüchtlinge und auch der Fluchthelfer, zu reden über sich und die Zeit damals. Wir müssten an die Öffentlichkeit gehen, weil wir wichtige Zeugen vor allem der Welt vor 40 Jahren seien.

Was die Diktatur in der DDR für die Menschen bedeutete, habe sie schlagartig begriffen, als sie ihren Vetter in Pankow einmal fragte, was für Wünsche er habe; er sagte, er wolle nur möglichst schnell 65 werden, 65, um ausreisen zu können. Jeans, Kaffee oder Klopapier waren ihm nicht wichtig; er wollte "nur" frei sein. Wir hätten uns schon damals für diese Freiheit eingesetzt, für die eigene oder die von anderen Menschen, auch wenn das mit erheblichen Risiken verbunden war. Warum die Fluchthelfer das getan hätten, hätte sie vor allem durch Bodo Köhler erfahren. Auf diese Weise sei ihr auch besser klargeworden, was Freiheit und Unfreiheit für die Menschen in der DDR bedeuteten.

Und deshalb sei sie froh, bei uns sein zu können, bei den Menschen, die auch unter Risiken und Opfern die Freiheit gesucht hätten. Wir hätten uns eben nicht kritiklos dem westlichen System entgegengeträumt, sondern sehr viel für die reale Freiheit der Menschen getan. Und darüber müssten wir erzählen! "Erzählen Sie Ihre Geschichte! Es ist wichtig für das historische Gedächtnis dieser Gesellschaft, und es ist wichtig für die Jugend, die wir nicht im Dunkel des Nicht-Wissens zurücklassen sollten!"