Vorwort

So habe ich mir das Vorwort meines zornigen Buches über meine/unsere Fluchthilfe 2000 vorgestellt. In meinem Buch "Wege durch die Mauer - Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West" ist dann das Vorwort aber ganz anders ausgefallen, einfach, weil ich darin zu viel erklären musste, weshalb und unter welchen Kriterien ich das Buch geschrieben haben, ja schreiben musste.

Die Beschäftigung mit Geschichte kann eben nicht nur das Weltbild verändern, sondern auch den Schreibstil.

Stuttgart, 27.9.00

Es ist vorbei, es ist 11 Jahre vorbei, und in 89 Jahren wird es 100 Jahre vorbei sein, egal; Hauptsache, es ist vorbei: die Farce eines sozialen Staates, die Illusion einer Einheit von Regierung und Volk, die Phantasie von einem menschlichen Miteinander, die mit Füßen, nein, mit eisenbewehrten Stiefeln getreten wurde; ein Sozialismus, der 70 Jahre lang in aller Welt nur Diktaturen und millionenfachen Mord hervorgebracht hat, kein Haar besser als der weltweit geächtete Nationalsozialismus und um Vieles schlimmer, menschenverachtender und brutaler als jeder Kapitalismus.

Es ist vorbei mit Massenmördern wie Stalin und seinen tumben Vasallen, die im einst geschmähten Westen nun Rente beantragen oder wie damals die Nazi-Größen nach Südamerika auswandern, vergessend und verleugnend, dass sie Menschen erschießen ließen, die nur in Ruhe irgendwo anders, nur nicht in diesem Staat, leben wollten, dass sie sie jagten, unter Wasser mit langen Spießen und Absperrnetzen, zu Lande mit Gewehrkugeln, scharfen Hunden und Hunderten von Kilometern Stacheldraht, dass sie ihnen die Kinder wegnahmen und zur Adoption freigaben, dass sie Hunderttausende von normalen Bürgern zu Spitzeln machten - eine Perversion menschlichen Zusammenlebens!

Jedes Kind begreift heute, dass das sog. 3. Reich ein Regime der Verbrecher war, das sich nie mehr wiederholen darf. Wer irgendwelche Ideen und Phantasien zur Maxime erhebt und alles, was davon abweicht, liquidiert, wer Bücher verbrennt und nur noch die eigenen schwülstigen Gedanken zulässt, wer die Kirchen Anderer anzündet und die Menschen dazu, der ist ein Verbrecher und kein eben fehlgeleiteter Idealist, dem man mildernde Umstände zubilligen müsste.

Und wer die verquaste Theorie des Sozialismus, die in ihren Ansätzen ja so richtig, in ihren Folgerungen aber so absurd ist, wer diese Hirngespinste zur Norm erhebt und mit Gewalt seiner Bevölkerung einpresst, ist genauso ein Verbrecher wie die Nazi-Verbrecher; wer über die Schule und Jugendorganisationen schon die junge Generation vergiftet, sie klassenkämpferisch für seine Ziele einspannt, wer Andersdenkende beruflich und privat ausmerzt, wer den Wunsch, andere Länder und Menschen zu sehen, als kriminell outet, wer zur Durchsetzung seiner obskuren Ideen andere Menschen umbringt, der ist ein Krimineller und kein eben nur falsch informierter Wohltäter der Werktätigen!

Genauso schändlich ist es aber, ein Kind für die Meinungen seiner Eltern zu bestrafen (die Kinder von Republik-Flüchtigen wurden im Kindergarten von eifrigen und offensichtlich z.T. unverbesserlichen Erzieherinnen immer wieder an den Pranger gestellt); und es ist ein Verbrechen und kein harmloses Vergehen, wenn ein Richter, weit über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinausgehend, drakonische Strafen gegen Andersdenkende ausspricht, ihr Leben damit zerstört und das ihrer Familien oft ebenfalls.

Die täglichen kleinen Schikanen, die weder vorgeschrieben waren noch irgendeinen vielleicht erhofften Schulungs-Effekt hatten, die weder dem Sozialismus dienten noch dem menschlichen Zusammenleben, sie können ebenfalls nicht vergessen werden. Nicht nur Mord fällt auf den Mörder zurück, auch die kleineren menschlichen Bosheiten sollen in Erinnerung bleiben, auch wenn sie nicht justiziabel sind, auch wenn die Täter in unserer liberalen Justiz straffrei ausgehen!

Leider sind wir offensichtlich nicht in der Lage, derartige Probleme zu lösen, auf keiner Ebene: Wenn ein Mensch seines Glaubens wegen eingekerkert oder umgebracht wird, ist das ein Verbrechen, das sofort geahndet werden müsste. Wir reagieren aber erst, wenn daraus ein Genozid geworden ist! 1 Toter - na ja; 10 Tote - na ja; 100 Tote - na ja, wir schicken eine Protestnote; 1000 Tote - na ja, wir schicken eine ernste Protestnote; 10000 Tote - jetzt müssen wir wohl irgend etwas tun, wenn wir uns vor unserer eigenen Bevölkerung nicht lächerlich machen wollen ...

Mit der folgenden Dokumentation soll aber nicht versucht werden, das „Schwarzbuch des Kommunismus“ fortzuschreiben. Wir wollen - trotz unserer damaligen wie heutigen fundamentalen Aversion gegen diesen „Real-Sozialismus“ - ganz nüchtern darstellen, wie es gelang, Menschen, die nicht in diesem Staat leben wollten, in den Westen zu holen, und das zu Hunderten. Dabei sollte man durchaus vor Augen haben, weshalb die Menschen fliehen wollten, dass es für sie meist eine ganz schwierige Entscheidung war, alles hinter sich zu lassen. Anfangs war häufig der Wunsch nach einer Zusammenführung der Familie der Anlass für eine Flucht; später wurden politische Motive dann aber immer wichtiger.

Das aber auch aus einem anderen Grund: Zu jedem Flüchtling musste notwendigerweise auch ein Antragsteller gehören, der den Fluchthelfern sagte, dass die oder der herauswollte, aus welchem Grund, wie man sie/ihn ansprechen könnte etc.. Und die Antragsteller waren zunächst Familienangehörige, später Freunde und Bekannte - oder gerade eben Geflohene. D.h., auch bei den Antragstellern bekamen politische Motive immer mehr Gewicht.

Diese Entwicklung war aber für die Fluchthelfer nicht ungefährlich: In den ersten Monaten nach dem Bau der Mauer waren Spitzel kein Problem. Die Antragsteller waren Verwandte und deshalb glaubhaft, der Staatssicherheitsdienst war mit der Grundsicherung der Mauer vollauf beschäftigt, irgendwelche gezielten Gegenmaßnahmen gab es einfach nicht. Aber schon im Frühjahr 1962 versuchte der Osten, Spitzel in bestimmte Fluchthilfe-Organisationen einzuschleusen, sei es als Studenten, die gerne mithelfen wollten, oder auch als Antragsteller.

Eine wichtige Aufgabe der Fluchthelfer war es also, solche zwielichtigen Figuren zu erkennen und sich gegen sie abzugrenzen. Wenn die genaue Befragung zum Grund des Antrags keine 100%ige Sicherheit ergab, versuchte man, den Antragsteller emotional aus der Reserve zu locken; ein zorniger oder sonstwie aufgewühlter Mensch kann sich schlecht verstellen; und wenn er aggressiv wurde, das Zimmer türenschlagend verließ, dann war man sicher näher an der Wahrheit dran als in einem ruhigen Gespräch mit wohlgesetzten Worten. Trotzdem gab es häufig unklare Situationen, und deshalb wurde sicher die oder der eine oder andere nicht geholt, einfach weil man nicht ganz von der Echtheit von Antragsteller oder Flüchtling überzeugt war.

In einem Fall wurde auch ein regelrechtes Tribunal über einen Studenten abgehalten, der mithelfen wollte und dabei ganz tolle Ideen entwickelte. Als sich herausstellte, dass er im Gefängnis Rummelsburg politisch eingesessen hatte und die Interna von dort kannte, wurde er akzeptiert - er war aber ein Spitzel, was dann zur Verhaftung von insgesamt 5 Personen führte. Das war aber das einzige Mal, dass ein Spitzel überhaupt Schaden anrichten konnte.

Auf der Hut musste man aber immer sein. Deshalb war Misstrauen eine Grundeigenschaft jedes Fluchthelfers:

  • gegen Helfer, die sich selbst anboten; solche Hilfswilligen wurden nur selten in eine Organisation aufgenommen. Wenn man einen potentiellen Helfer von sich aus ansprach, war das Risiko, an einen Spitzel zu geraten, viel geringer;
  • gegen den Verfassungsschutz, den CIA und andere Geheimdienste, die Behörden in den Aufnahmelagern, z.B. Marienfelde; später stellte sich ja auch tatsächlich heraus, dass es in diesen Stellen zahlreiche Schwachstellen gab, dass der Verdacht also durchaus begründet war; (eine Abwehrmöglichkeit war z.B., dass ein Strohmann angeblich die Flucht organisierte; der konnte dann ruhig den ganzen Tag beobachtet werden; der Fluchtweg blieb aber geheim);
  • gegen die Politik, denn z.B. während der Verhandlungen zum Passierschein-Abkommen oder bei den Freikauf-Aktionen wollte man erreichen, dass eben keine Fluchthilfe den Frieden störten; das Argument, dass die Rechte nicht immer wissen müsse, was die Linke tut, und dass bei diesen politischen Aktionen eben denen nicht geholfen werde, denen man zur Flucht verhalf, war bei den Politikern nicht sehr beliebt; so war es besser, wenn die politisch Verantwortlichen die echten Fluchthelfer gar nicht kannten;
  • gegen jeden und jeden; am besten wussten die besten Freunde, die Eltern und Verwandten gar nicht, dass man Fluchthelfer war; und wenn, dann wenigstens keinerlei Einzelheiten. Im Falle einer Verhaftung (z.B. bei der Durchfahrt durch die DDR) war es auch besser für alle, wenn der Betroffene eben nichts oder möglichst wenig wusste.

Deshalb war es aber auch nicht diskutabel, labile Menschen in den eigenen Reihen zu haben. Man musste sich 100%ig auf seine Nebenleute verlassen können, denn die Fluchthilfe-Aktionen waren immer so kompliziert, dass ein kleiner Flüchtigkeitfehler schon katastrophale Folgen haben konnte. In einem Fall wurde ein Helfer, für den sich eine sonst sehr zuverlässige Person verbürgte, zum Verhängnis für 3 andere Helfer, weil er einfach die Belastung nervlich nicht durchhielt - erfreulicherweise ein absolut einmaliger Ereignis.

Das ist erstaunlich, wenn man an Geheimdienste und ähnliche Organisationen denkt, die mit einer Fluchthilfe-Organisation relativ Vieles gemeinsam haben. Es gab aber ein Phänomen bei den Fluchthelfern, das sich nachträglich kaum noch erklären noch nachempfinden lässt: Aus ganz einfachen, biederen und geradlinigen Menschen wurden mit einem Mal Feuerköpfe, aus denen man Funken schlagen konnte, die kreativ waren und nie müde, voll engagiert und hellwach. Fast alle sind hinterher wieder in ihre Normalität zurückgefallen, und Manche lehnen wohl auch deshalb ihre damaligen Aktivitäten z.T. ab oder wollen sich nicht offen dazu bekennen.

Aber auch die Flüchtlinge mussten in den Tagen der Flucht oft Übermenschliches leisten, innerlich voll aktiv sein, nach außen aber die Ruhe selbst schauspielern, ihre Umgebung scharf beobachten auf verdächtige Veränderungen, gleichzeitig aber ganz gelangweilt tun. Und das in der Gewissheit, dass man die Eltern, Geschwister oder Freunde wohl das ganze Leben nicht mehr sehen würde. Und dann die Sorge, wie man sich im Westen eine neue Existenz aufbauen könnte, wie man nachweisen könnte, dass man bestimmte Studiengänge absolviert hatte (denn Papiere mitzunehmen war völlig unmöglich; jede Kontrolle hätte nicht nur den Flüchtling, sondern auch die Helfer gefährdet), wie man nur belegen könnte, wer man war!

Auffallend war, dass die Jüngsten der Flüchtlinge immer etwa 22-23 Jahre alt waren. Aus zahlreichen Gesprächen ergab sich, dass sie früher oft ganz stramme Sozialisten waren, aktiv in der FdJ und anderen Jugendorganisationen, dass sie dann aber irgendwann gemerkt hatten, dass das so nicht sein konnte, dass sie von hinten und vorne belogen wurden, und das vor allen nach dem Bau der Mauer, nachdem niemand mehr entkommen konnte.

Dabei waren die wirtschaftlichen Verhältnisse fast nie ein wesentlicher Grund zur Flucht. Häufig war es z.B. die Sorge, dass die Kinder in dieser DDR aufwachsen sollten. Oder viele waren auch bei Diskussionen mit irgendwelchen Parteikadern unangenehm aufgefallen, vor allem durch Fragen nach den Hintergründen. Und wieder andere wurden schikaniert, weil sie nicht ganz linientreu waren, sodass sie keinen Sinn mehr darin sahen, den Sozialismus in dieser DDR mit aufzubauen.

Die Flucht in den Westen war aber auch gefährlich; wenn man „erwischt“ wurde, bekam man anfangs routinemäßig 18 Monaten Gefängnis, später auch mehrere Jahren. Viel schwerer wog aber der menschliche Verlust, der mit einer Flucht verbunden war. Vielleicht wird daran deutlich, wie brutal ein Regime war, das seine Bürger dazu brachte, unter solchen Umständen „abzuhauen“; alles Bisherige, Wohnung, Beziehungen, Zeugnisse, alles musste aufgegeben werden und die Zukunft war höchst ungewiss.

Der Grund für eine Flucht war also fast nie Mord und Totschlag; es waren die kleinen Fiesigkeien, mit denen dieses menschenverachtende System seine Bürger kleinhielt. Und die summierten sich bei vielen nachdenklichen Menschen dahin, dass man in diesem Staat nicht mehr leben wollte und konnte.

Natürlich hat es auch in der DDR wie im Nationalsozialismus aufrechte Menschen gegeben, die an der Grenze der verordneten Legalität oder darüber hinaus der Unmenschlichkeit des Regimes widerstanden haben. Ihnen verdanken wir ja letztlich die Wiedervereinigung! Viele konnten auch flüchten - vor dem Bau der Mauer am 13. August 1961 kamen täglich 3000 - 5000 Menschen vor allem von Ost-Berlin nach West-Berlin. Diese Abstimmung mit den Füßen war ja gerade der Grund für die eigene Einmauerung des sozialistischen Regimes.

Die Phrase des Ostens war natürlich ganz anders: Es sollte ein Schutzwall gegen den aggressiven Kapitalismus gebaut werden. Vermutlich haben das auch einige Halbwüchsige und Debile geglaubt; gewusst hat die Bevölkerung genau, dass sie mit der Absperrung von West-Berlin nun der Willkür des Regimes voll ausgesetzt war.

Durch die Mauer wurden auch viele Familien auseinandergerissen und Freundschaften zerstört, je nachdem, wo man sich am 13. August gerade aufhielt; plötzlich war der Arbeitsplatz nicht mehr erreichbar, die Universität lag so fern wie auf dem Mond - die Mauer griff oft ganz gravierend in das Leben der Berliner ein. Natürlich waren auch die Menschen aus der restlichen DDR, aus der „Zone“, der „SBZ“, der sowietisch besetzten Zone, betroffen, aber ganz besonders litten viele Berliner unter der Absperrung.

Das war auch offensichtlich so beabsichtigt, denn West-Berliner durften nach dem Mauerbau nicht mehr in den Ostteil der Stadt reisen, Bundesdeutsche und Ausländer selbstverständlich. Natürlich wären viele Ost-Berliner viel lieber in den Westteil der Stadt gekommen, sie hatten aber kaum eine Chance, so nahe an die Grenze heranzukommen, dass sie eine Fluchtmöglichkeit hätten eruieren können. Vom Westen aus war das einfacher: Obwohl die Mauer meist einen Meter östlich der eigentlichen Grenze zu stehen kam, wurde der Westteil nicht kontrolliert; die Mauer war also wirklich eine Einmauerung, keine Abgrenzung!

Vom Westen aus konnte man deshalb besser überlegen, wo vielleicht Lücken im Kontroll-System der Grenzbefestigungen waren. Wenn man sich natürlich im Osten wie im Westen auskannte wie Harry Seidel, der in West-Berlin arbeitete, während seine Familie noch in Ost-Berlin wohnte, hatte man zunächst durchaus einige Möglichkeiten, die Seiten zu wechseln. Harry Seidel, ein Rad-Spitzensportler, der aus dem Kader der DDR flog, weil er nicht bereit war, Anabolika zu nehmen, körperlich und geistig völlig durchtrainiert, schaffte es in den ersten Tagen nach dem Bau der Mauer, 3mal nach Ost-Berlin und wieder zurück zu kommen, wobei er nicht nur seine Frau und seinen Sohn herüberbrachte, sondern auch noch Bekannte (s.S. xy).

Wenn man also etwas gegen die Mauer tun wollte, etwas Direktes, keine Protestnoten wie die Politiker, dann konnte das nur vom Westen aus geschehen. Deshalb ist die Geschichte der Fluchthilfe ein Kapitel, das im Westen geschrieben wurde. Deshalb muss diese historische Aufarbeitung auch wieder im Westen erforscht und notiert werden.

Das heißt nicht, dass die Bevölkerung der DDR keine Ideen zur Überwindung der Mauer beigesteuert hätte. Man denke nur an die tolle Flucht der 2 Familien mit einem Heißluft-Ballon; oder manche Flucht über das ambivalente Jugoslawien; oder die Menschen, die schwimmend oder mit einem kleinen Boot entkamen; oder die Grenzsoldaten, die sich absetzen konnten. Einige Wenige hatten hier wenigstens eine kleine Chance. Da aber die allermeisten Fluchtwilligen keine solche Möglichkeit hatten, musste eine Flucht fast immer im Westen geplant und vom Westen aus ausgeführt werden.

Zunächst natürlich von den Angehörigen, den Verlobten oder Ehemännern oder auch den Kindern. Später dann von vielen Studenten, und das vor allem aus 2 Gründen:

  1. studierten viele Westdeutsche und Ausländer an der FU (Freie Universität) und TU (Technische Universität), die also nach Ost-Berlin einreisen konnten; d.h., Berlin hatte eine ungeheure Anziehungskraft auf politisch interessierte und engagierte Menschen, was z.B. auch dazu führte, dass der ASTA, die Studentenvertretung an der FU, über viele Jahre hinweg fast ausschließlich aus Westdeutschen bestand; und
  2. war die allgemeine Empörung über den Bau der Mauer so groß, speziell an den Universitäten, dass fast alle, die man um Mithilfe ansprach, mitmachten. Speziell die „Freie“ Universität war ja mit einem eindeutigen politischen Auftrag gegründet worden, die Namen der Gründer waren jedem geläufig; die FU war nicht einfach eine Universität; sie war eine Demonstration der Freiheit des Westens.

Natürlich hat es auch - vor allem später - Fluchthelfer gegeben, die aus der Not anderer Menschen Kapital schlugen. Und gelegentlich hat es auch echte Kriminelle dabei gegeben, die wenig Sinn für die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen hatten, dafür aber einen kräftig entwickelten Erwerbssinn. Sie haben aber nie mehr als eine Statistenrolle gespielt. Allerdings waren ihre Untaten oft recht medienwirksam, und für die Presse war es oft auch interessanter, irgendwelche obskuren Machenschaften aufzudecken als eine „saubere“ Fluchtgeschichte zu recherchieren. An die echten Fluchthelfer kamen die Journalisten aber auch kaum heran, weil die sich aus Furcht vor Stasi-Spitzeln immer im Hintergrund hielten. So ist in der Öffentlichkeit ein schiefes Bild über die Fluchthilfe entstanden, das hier zurechtgerückt werden soll, nicht durch Dichtung, sondern durch Wahrheit und Fakten.

Natürlich ist es in den Augen eines Verwaltungsbeamten - wie bei sicher 90% der Bevölkerung - nicht richtig, einen Pass zu fälschen, ein Auto umzubauen, ohne den TÜV zu befragen oder einen Tunnel zu graben, ohne die Stadtwerke davon zu informieren. Das ist in normalen Zeiten auch gut so. Aber in einer Situation, in der ein Staat seine eigenen Bürger einmauert, in der er zahlreiche Menschenrechte brutal verletzt, in einer solchen Situation muss man einfach zu außergewöhnlichen Mitteln greifen, um Hilfe zu leisten.

Erst recht, wenn die Fluchthelfer nicht nur einige Jahre Gefängnis riskiert haben, sondern oft auch ihr Leben: Harry Seidel z.B. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem Frau Hilde Benjamin, die damalige Justizministerin der DDR, unbedingt die Todesstrafe verhängt haben wollte und nur Generalstaatsanwalt Streit sie im Hinblick auf das schlechte internationale Image einer solchen Verurteilung davon abbringen konnte; nach Absprache sollten dann aber die Fluchthelfer Girrmann, Thieme, Köhler und Veigel zum Tod verurteilt werden, wenn man ihrer habhaft werden könnte; auf viele Fluchthelfer wurde auch geschossen, ganz viele hätten in einem Tunnel verschüttet werden können, denn für Abstützungsmaßnahmen hatte man oft keine Zeit, und doch einige wurden verhaftet und saßen dann für Monate bis z.T. 7 Jahre in Haft.

Diese Gefahren nimmt niemand einfach so aus Spaß in Kauf. Hier waren Menschen aktiv (u.a. erstaunlich viele Medizin-Studenten), die in der Not einfach anderen Menschen beistehen wollten, die nicht akzeptieren wollten, dass ein Unrechts-Regime triumphieren hätte können. Solche Aktionen macht man nicht mehr aus Übermut oder weil man die Gefahren nicht kennt. Es galt für Jeden, ganz nüchtern die Situation zu erfassen und dadurch das Risiko zu minimieren - und sich der Stasi auch geistig überlegen zu zeigen. Was die mit einem großen Aufwand an Menschen und Material hinklotzten, musste man mit Schlauheit und Raffinesse durchbrechen.