Zusammenfassung der Referate
Im ersten Vortrag „Einheitslust und Einheitsfrust“ hörten wir positive wie negative Fakten: ca. 75% der Jugendlichen in den neuen Bundesländern sehen die Wiedervereinigung positiv. Das heißt aber auch, dass ca. 25% nicht glücklich sind über die Vereinigung. 2. Eine deutliche Mehrheit der Bürger in den neuen Bundesländern entwickelt eine Art Doppel-Identität, weil sie sich einerseits als Deutsche fühlen, in Deutschland aber als ehemalige DDR-Bürger. Die Menschen aus den alten Bundesländern dagegen fühlen sich „nur“ als Deutsche. Allerdings werden die unterschiedlichen Empfindungen in Ost und West im Lauf der Jahre langsam geringer.
Im zweiten Vortrag „Was wissen Schüler in Ost und West von Ost und West?“ wurden einige erschreckende Daten aus der bekannten Schroeder-Studie vorgetragen. Sie kann man vielleicht so zusammenfassen: Alle Deutschen, speziell alle Schüler und Jugendlichen, wissen von der Geschichte Deutschlands sehr wenig, leider die aus den neuen Bundesländern noch weniger als aus den alten. Allerdings wurde auch klar, dass die Studie nur fragte; einen Lehrauftrag hatte sie nicht. Den sollten jetzt Andere übernehmen, aufgeschreckt durch die Erhebung. Darauf kommen wir noch zu sprechen.
Im nächsten Vortrag „Uns wirst Du niemals los!“ über die Langzeitfolgen nach politischer Inhaftierung in der DDR wurde deutlich, dass 70% der Gefangenen physisch misshandelt wurden, vor allem durch langes Stehen, Schlafentzug etc.; psychisch, vor allem in den Jahren nach 1955, 63%, z.B., indem man sie in Einzelhaft systematisch desorientierte oder demütigte. Klar wurde auch, dass viele Opfer Jahre brauchen, um über ihre Verletzungen überhaupt sprechen zu können, und dass es zu wenige Anlaufstellen für sie gibt, an die sie sich dann wenden können, wenn sie bereit für eine Therapie wären. Die Erhebung über 10 Jahre konnte aber keine Antwort geben auf die Fragen, wer von seiner Persönlichkeit her eher gefährdet ist, eine posttraumatische Belastungsstörung zu bekommen, und wer eher nicht.
Danach habe ich versucht, neue Wege zu beschreiten, indem ich Referenten zu uns gebeten hatte, die sich über die Grundlagen der Marxschen Philosophie einerseits und andererseits über die der Marxschen Ideologie und deren Auswirkungen Gedanken gemacht hatten. Die Referate waren z.T. hochinteressant, sodass man sich wundern musste, weshalb die Fakten in der Öffentlichkeit so wenig zur Kenntnis genommen werden, teilweise aber auch massiv provokant und wenig erhellend, vor allem in Richtung Aufarbeitung, um die es mir und uns im Autorenkreis letztlich immer geht.
Die ersten beiden Referate – von absoluten Experten der Marxschen Schriften und seiner Ideologie – kann man zusammenfassen, dass Marx bisher leider nie hinterfragt wurde: Seine Theorie leitet sich nicht logisch ab von historischen Fakten, d.h., sie ist ein Dogma, das sich nicht an der Realität misst, sondern seine Wahrheit in sich selbst findet. Es setzt einfach voraus, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat und die Zukunft dem Sozialismus gehöre. Er analysiert nicht Geschichte und ihre Fakten, sondern setzt eine Vision ins Zentrum seiner Gedanken. Wenn man diese Vision auf gelebte Geschichte anwenden will, z.B. auf den 30-jährigen Krieg oder den Islamismus oder irgendwelche anderen historisch bedeutsamen Geschehnisse, wird rasch klar, dass man mit Marx nichts, überhaupt nichts in der Geschichte erklären kann.
Es ist erstaunlich, wenn man die Schar seiner Jünger betrachtet – von denen sich viele als die „Intelligenz“ bezeichnen – , dass sie das Menschenbild von Marx hinnehmen: der Mensch ist kein Vernunftwesen, er hat keine Verantwortung für irgendetwas, weil die Partei alles entscheidet, es gibt in Zukunft keine Individuen und keinen Pluralismus: Das sind Gedanken, die absolut totalitär sind! Wie sich das mit dem Individualismus seiner Nachfolger vereinbaren lässt, ist nicht erklärlich.
Die folgenden Vorträge waren ein Experiment im Experiment, das leider nicht so gut gelang: War der Vortrag über die „Gleichheit“ als Ziel noch anregend, weil nachvollziehbar, dass viele „Gleichheiten“, die wir im Kopf haben, unsinnig sind, war auch nachvollziehbar, dass die Planwirtschaft a priori unsinnig und zum Scheitern verurteilt ist, waren die folgenden Thesen vielleicht doch z.T. abwegig und nicht richtungsweisend. Ich denke, dass wir hier Einiges übergehen können, weil es uns in der Diskussion um eine mögliche Aufarbeitung nicht so recht weiterbringt, die uns im Folgenden jetzt interessiert. Ein Gedanke sollte aber vielleicht doch erwähnt werden: Wir wollen ja alle Erkenntnis von Wahrheiten und geistiges Wachstum; wie das aber in einem Kommunismus funktionieren soll, in dem es keine Veränderungen mehr geben soll? Hier stocke ich schon und frage, wie sich die Neo-Kommunisten als intelligent vorkommen können.
Der letzte Vortrag in dieser Reihe über „Die DDR und ihre Strahlkraft heute“ führte wieder zurück zu den ungelösten Fragen, die noch längst nicht aufgearbeitet sind. Daraus sollen doch einige Fakten zitiert werden:
- die verdeckte Arbeitslosigkeit lag in der DDR bei ca. 30%, also höher als nach der Wiedervereinigung;
- ca. 20% der Belegschaft war immer mit Reparaturen beschäftigt, was die hohe Ineffizient der Wirtschaft erklärt;
- das „Soziale“ war in der DDR in keiner Weise besser geregelt als in den neuen Bundesrepublik; das wird schon klar, wenn man nur auf die Höhe der Renten in der DDR und heute in der BRD blickt; viele Rentner mussten damals Nebenjobs annehmen, um überleben zu können;
- in der DDR kamen weniger Arbeiterkinder zum Studium als in der alten Bundesrepublik;
- es gab einen durchgehenden Militarismus in der friedliebenden DDR; Uniformierte, vormilitärische Erziehung etc. prägten das Bild in weitem Maß;
- ca. 1000 „Schläfer“ in der BRD hatten z.T. eine Art Panzerfäuste, mit denen sie taktische Atomwaffen hätten verschießen können im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung;
- heute, 2010, meinen ca. 50% der Bevölkerung der neuen Bundesländer, dass die DDR mehr positive als negative Eigenschaften hatte;
- ebenfalls ca. 50% glauben, dass die DDR mehr positive Eigenschaften als die jetzige Bundesrepublik hatte;
- etc., etc..
Unsere Ideen, wie man diese Erkenntnisse in eine nachträgliche Aufarbeitung umsetzen könnte, kann man in 3 Punkten zusammenfassen:
- Die Aufarbeitung muss auch die SED mit einbeziehen; bisher hat man sich zu sehr auf die Stasi konzentriert. Die Partei war verantwortlich für das politische Denken, und über dieses ist bisher viel zu wenig bekannt und gesprochen geworden.
- Dieses politische Denken, seine Dogmen und seine Tabus, muss durchleuchtet werden ohne Rücksicht auf die Ikone Marx, die fast in der gesamten Bundesrepublik festzustellen ist.
- Die Aufarbeitung muss auch die Bundesrepublik erfassen, die wohlgemuten Ahnungslosen da, die 68iger etc., für die die friedliche Revolution in der DDR eine Katastrophe war, weil sie die Revolution ja im Westen herbeigesehnt und z.T. vorbereitet hatten. Hier sind vor allem viele „Intellektuelle“ angesprochen, die sich doch anders verhalten als die Intellektuellen in anderen Ländern, die längst mit ihrer Vergangenheit gebrochen haben.
Diese Art der moralischen Aufarbeitung könnte dazu führen, dass auch moralische Kriterien, Menschenrechte, Werte, eher ins Zentrum der Diskussion rücken und nicht nur wirtschaftliche Fragen.
Dabei muss in erster Linie die Jugend angesprochen werden, in den Schulen und außerhalb, z.B. durch eine bundesweite Verordnung von 3 Geschichts-Projekttagen pro Jahr, in denen die Schüler von externen Kräften – nicht durch ihre angestammten Lehrer – informiert werden, z.B. durch Zeitzeugen. An den Universitäten sollten Seminare zur Bekanntmachung von Folgen der SED-Diktatur abgehalten werden.
Auch die Medien sollten immer wieder angesprochen werden. Sie sind die wichtigsten Multiplikatoren, haben in den neuen Bundesländern aber hochprozentig immer noch ihre alte Kader-Schulung im Hinterkopf. Auch ihnen muss ja klar sein,
- dass die Bevölkerung der DDR mit der friedlichen Revolution die Wiedervereinigung erzwungen hat!
- Und: Ohne die soziale Marktwirtschaft hätte schon die Wiedervereinigung nicht geklappt, und auch heute wird diese Wirtschaftsform die Probleme der Wirtschaftskrisen und der Wirtschaftskriminalität lösen, wozu eine sozialistische Planwirtschaft nie in der Lage wäre!
- Und: Ein dritter Weg war nie möglich, zu keiner Zeit! Die soziale Marktwirtschaft IST der dritte Weg! (zwischen Kommunismus und Kapitalismus).
- Und: Dritte Wege sind als Vision immer notwendig, aber eben nicht immer realisierbar. Auch die Medien dürfen träumen, aber ihre Aufgabe ist die Aufklärung und damit auch die Aufarbeitung.
Dies wollten wir den Politikern des letzten Podiums als Ergebnis der letzten Tage mit auf den Weg geben. Jetzt sind wir gespannt auf ihre Ideen, Wünsche und praktischen Vorschläge. Dabei meinen wir, dass sachlich Notwendiges auch gegen Widerstände durchgesetzt werden sollte, vordringlich jetzt vor allem:
- eine neue Initiative für die Opfer (Opferrente, Haftentschädigung) und
- eine bessere Information vor allem der Jugendlichen.
Bei diesen aktuellen Problemen erwarten wir auch eine gewissen Prinzipientreue, die sich nicht durch tagespolitischen Gegebenheiten abschrecken lässt.