Begriffe

Vor der Beschreibung der verschiedenen Wege durch die Berliner Mauer sollen zunächst einige Begriffe erläutert werden, um in den folgenden Texten dann ständige Wiederholungen zu vermeiden. Die Worte und Begriffe waren bei allen Fluchthelfern, auch den später aktiven "Ganoven", in Gebrauch. Zu einem erheblichen Teil wurden sie von den drei "Urvätern" der Fluchthilfe, Detlev Girrmann, Dieter Thieme und Bodo Köhler, geprägt, ergänzt aber je nach Fluchtart um fachspezifische Begriffe.

Da es nicht möglich war, die gesamte Fluchthilfe in allen Einzelheiten aufzuschreiben, habe ich mich darauf beschränkt, alle verwendeten Fluchthilfen an einem typischen Beispiel zu schildern. Wenn absehbar war, dass eine bestimmte "Tour" im weiteren Text dann nicht beschrieben werden konnte, bin ich oft in dieser Begriffsklärung darauf eingegangen.

Antrag

Die Anträge sahen bei fast allen Fluchthelfern ähnlich aus: Neben Namen, Wohnort und Bild des Flüchtlings musste auch notiert werden, wie man den Flüchtling erreichen konnte, was in der "Zone" nicht immer einfach war. Aber auch in Ost-Berlin hatten längst nicht alle Flüchtlinge Telefon, sodass oft nichtsahnende Zwischenträger eingebaut waren in die Kette zum Flüchtling.

Außerdem musste der Antrag ein absolut sicheres Kennwort enthalten, immer in Form von Rede und Gegenrede, z.B.: Läufer: Ich komme, um die 7 Gerbera abzuholen. Flüchtling: Die sind nicht mehr gut; kann ich Ihnen auch 7 Rosen geben? Oft waren dazu dann noch 2 weitere Sätze ausgemacht, um eben den Kontakt so sicher wie möglich zu machen. Klar ist, dass diese Sätze nur dem Antragsteller und dem Flüchtling, dann der Zentrale der Fluchthelfer und zuletzt dem Läufer bekannt sein durften, dass wirklich niemand anderes davon wusste, sodass der Flüchtling sicher sein konnte, dass die Kontaktperson "echt", und der Läufer, dass die angesprochene Person auch wirklich der Flüchtling war.

Das Bild in den genannten Listen in der Verwaltung der Universitäten wurde anfangs oft auch zur Flucht selbst verwendet, musste also ein Passbild sein. Allerdings musste es dazu meist vergrößert werden, weil die Ost-Passbilder kleiner waren als die im Westen. Später hatte das Bild in einem Antrag nur noch die Funktion, den Kontakt für den Läufer abzusichern, vor allem bei den Fluchten über das sozialistische Ausland. Wenn er auf Grund des Bildes den Flüchtling schon erkannt hatte, konnte er ihn noch eine Weile warten lassen und beobachten, was darum herum passierte, ob der Flüchtling versteckt irgendwelche Zeichen gab und deshalb vielleicht ein Spitzel war etc..

Antragsteller

Das waren die Angehörigen, Freunde oder Bekannten von Flüchtlingen, die bei den Fluchthelfern einen Antrag stellten, die und die Person(en) in den Westen zu holen. Anfangs gab es natürlich keine Antragsteller; die Fluchthelfer der ersten Stunde hatten nur die Namenslisten an den Universitäten, vor allem an der FU, der Freie Universität Berlin, und an der TU, der Technischen Universität Berlin. Hier gab es Listen von den Studenten, die im Westen studierten, im Osten aber wohnten, aus welchen Gründen auch immer. Als diese Studenten in den Westen kamen, wurden sie meist gleich auch zu Antragstellern. Das Prinzip funktionierte wie ein Schneeball-System. Andere Möglichkeiten, an einen Fluchthelfer heranzukommen, etwa durch die Presse, durch Parteien oder Geheimdienste, gab es kaum oder wurden nur sehr selten realisiert.

Anzug

Wenn 2 Flüchtlinge zusammen kommen mussten, z.B. Ehepaare, brachte der Fahrer des umgebauten Autos zuerst den einen herüber. Vorher hatte er in einem Hotel, in dem er übernachtet hatte, seinen besten Anzug hängen oder eine wichtige Aktentasche stehen lassen. Kurz nach Passieren der Grenze, wenn er den Flüchtling "ausgeladen" hatte, der von einem weiteren Helfer in Empfang genommen worden war, fuhr er zurück an die Grenze und schilderte sein Missgeschick mit dem Anzug/der Tasche. Die Grenzer riefen in dem Hotel an, wo man bestätigte, dass Herr X dort übernachtet hatte und sein Anzug/seine Tasche vom Zimmerservice gefunden worden war. Der Fahrer fuhr deshalb gleich noch einmal ins Hotel, holte den Anzug/die Tasche und brachte beim 2. Mal den 2. Flüchtling mit.

Diese Variante war natürlich nur in der CSSR oder in Ungarn möglich.

Z.T. wurde die mitfahrende Ehefrau quasi als Faustpfand an der Grenzstation gelassen, wenn das Hotel nicht zu weit von der Grenze entfernt war. In der Zwischenzeit schimpfte die Frau dann laut und heftig auf ihren vergesslichen Mann, der jetzt noch einmal völlig unnötig ins Hotel zurückfahren musste. Diese Variante flößte den Grenzern natürlich Vertrauen ein, hatte aber zur Folge, dass man diesen Übergang hinterher auch mit neuen Pässen und einem umgespritzten Wagen lange Zeit nicht mehr benutzen konnte, weil die Frau durch die Zeit des Wartens doch intensiver im Gedächtnis der Grenzer haften blieb.

auf Ähnlichkeit

Anfangs konnte man Flüchtlinge mit Pässen holen; wenn sie einen gültigen westdeutschen, vor allem aber ausländischen, Pass bei der Kontrolle vorzeigten, reichte das. Da die Fluchthelfer die Daten - Bild, Alter, Größe etc. - der Flüchtlinge hatten, mussten sie nur einen Pass besorgen, der in diesen Daten einigermaßen zu dem Flüchtling passte. In der ersten Woche sprachen sie deshalb - vor allem auf dem Campus der Universitäten - wildfremde Studenten an, die einem Flüchtling ähnlich waren, ob sie nicht ihren Ausweis oder Pass für einige Stunden zur Verfügung stellen könnten. Das wurde fast nie abgelehnt, weil die Empörung über den Bau der Mauer zu der Zeit so groß war, dass potentiell alle Studenten und West-Berliner Fluchthelfer waren oder es doch gerne sein wollten.

Natürlich lief man auch Gefahr, einen Spitzel anzusprechen; diese Gefahr war allerdings gering, wie sich auch zeigte, denn es gab nie Verhaftungen, die man auf einen Verrat in diesem Bereich zurückführen hätte können (wenn jemand sich darum bemühte, mitzuhelfen, war die Gefahr viel größer!).

Später, als nur noch Westdeutsche und Ausländer in den Osten durften, war die Auswahl an möglichen Pass-Spendern natürlich viel geringer, weil die Mehrzahl der Studenten eben doch aus West-Berlin kam. Deshalb wurde es immer schwieriger, jemand "auf Ähnlichkeit" zu holen.

Auto umbauen

Damit meinte man, dass ein Versteck in einen PKW oder LKW eingebaut wurde. Der Phantasie waren hier keine Grenzen gesetzt: einmal wurde eine Isetta umgebaut, ein Gefährt, das schon für Fahrer und Beifahrer kaum genügend Platz bot, so dass kein Grenzer annehmen konnte, dass hier noch eine weitere Person versteckt war. Durch Veränderungen im Motorraum war aber tatsächlich der Platz für einen - kleinen - Flüchtling zu schaffen.

Ähnlich lag der Fall beim Umbau eines Gogo-Mobils oder bei einem Austin Healey 3000.

Häufig machte man sich auch zu Nutze, dass bestimmte LKWs nach entsprechender Kontrolle der Ladung beim Einfahren in die Autobahn durch die DDR versiegelt wurden. Wenn die Ladung noch etwas Platz für ein Versteck ließ und man dieses Versteck über einen neuen Zustieg erreichen konnte, also nicht über die Ladeklappe, die ja versiegelt war, dann konnten ein oder mehrere Flüchtlinge auf einem Parkplatz in dieses Versteck kriechen und in den Westen gebracht werden.

Der raffinierteste Umbau wurde wohl an einem Cadillac vorgenommen, weil hier das Armaturenbrett so viel Platz ließ, dass ein Flüchtling versteckt werden konnte, der bis 188cm groß war (s. dort).

Allen diesen Umbauten gemeinsam war, dass sie nur von sehr guten Automechanikern vorgenommen werden konnten, denn die Fahrsicherheit durfte ja nicht gefährdet werden, und dass sie z.T. sehr zeit- und geldaufwendig waren. An dem Cadillac wurde z.B. 1 1/2 Jahre gebaut, weil man aus bestimmten Gründen immer nur das Wochenende zur Verfügung hatte. Außerdem bestand immer eine große Gefahr beim Aufnehmen der Flüchtlinge; das konnte beobachtet werden. Deshalb wurden umgebaute Autos auch nur selten zwischen Ost- und West-Berlin eingesetzt, häufiger auf der Autobahn zwischen Berlin und der BRD; der Cadillac wurde fast nur im "sozialistischen Ausland" herüber nach Österreich oder der BRD verwendet.

Schwierig war es z.T. auch, die in den LKWs transportierten Waren wieder loszuwerden. Man konnte ja nicht nebenbei noch einen Handel für Milch, Bier oder Möbel organisieren. So kam es, dass die Kanalisation in West-Berlin oft mit Alkohol desinfiziert wurde.

buddeln

Damit meinte man jede Art des Grabens eines Tunnels. Dabei hatte das wenig mit "buddeln" zu tun: Die Tunnel, die Harry Seidel grub, verliefen entweder in festgepresstem Torf oder relativ festem Sand. Hier konnte man mit dem Spaten, z.T. mit der Spitzhacke, das Erdreich lockern oder gleich in eine sog. Fleischersatte einfüllen (das sind Wannen, wie sie die Fleischer benutzen; solche Satten wurden bei vielen Tunneln verwendet, weil sie gut über den Boden rutschen und doch ein großes Fassungsvermögen haben). Seidel stützte auch nie ab, machte aber bei seinem ersten Tunnel, in der Heidelberger Straße, einen Test: Als er unter der Straße durch war, ließ er einen voll beladenen Kohlentransporter über den Bürgersteig, unter dem der Tunnel verlief, fahren; da der Tunnel das aushielt, musste er sich um die Stabilität keine Sorgen machen. Da seine Tunnel immer sehr eng waren - man konnte gerade durchkriechen - , war die Gefahr einer Verschüttung beim Graben auch sehr gering.

Sein größtes Problem war die Sauerstoff-Versorgung, denn in den engen Tunneln gab es natürlich kaum einen Luftaustausch. Eine Kerze brannte z.B. schon am Eingang nicht mehr, und je länger der Tunnel wurde, desto heftiger musste man atmen, schon wenn man nichts tat. Dabei war die Arbeit sehr anstrengend, denn der vorderste Mann (Frauen gab es nie in irgendeinem Tunnel) musste die Erde ja im Liegen oder kauernd losschlagen und mit einer Schaufel mit abgesägtem Stiel dann in die Satte füllen. Aber auch derjenige, der die Satte z.B. um eine Biegung zog oder ganz am Anfang der Tunnels sie dann herauszog und das Erdreich "entsorgte", hatte Schwerstarbeit zu verrichten, allerdings mit Pausen. Nur der Mann an der Spitze hatte pausenlos zu tun, wurde allerdings meist nach 1 Stunde ausgewechselt. Für den total austrainierten Seidel machte diese Belastung nicht so viel aus; alle anderen aber hatten vom heftigen Atmen am nächsten Tag einen extremen Muskelkater in der Brustmuskulatur.

Der Vorteil dieser Art von Tunnel, knapp über dem Grundwasserspiegel in einer Tiefe von ca. 2 Metern in den Bezirk Treptow, war, dass sie nur kurz waren (18 bis 30m) und dass sie deshalb innerhalb weniger Tage fertig sein konnten. Größere Aufwendungen wie Absteifungen, elektrisches Licht (es wurde mit Taschenlampen gearbeitet), andere elektrische Hilfsmittel wie Kranen oder Loren etc. waren nicht notwendig.

Anders beim sog. Tunnel 57, den Wolfgang Fuchs organisiert hatte: Hier grub man ja in einer Tiefe zwischen 8 und 9 Metern, d.h., die Erde war so fest, dass man sie mit einem Spaten quasi herausmeißeln musste, um sie erst in einem 2. Arbeitsgang dann in den von dieser Gruppe verwendeten Transport-Wagen zu füllen. Dafür war das Erdreich so fest, dass man trotz der Größe von ca. 1m auf 1m nicht abstützen musste. Auch die Sauerstoff-Versorgung war wegen der Größe zuerst kein Problem; später führte man dann mit einem umgedrehten Staubsauger Frischluft in langen Schläuchen zu.

Die Schwierigkeiten bei diesem Tunnel ergaben sich aus der enormen Länge: wohin mit dem Erdreich, wie kann man die vielen "Buddler" über so lange Zeit bei der Stange halten, dass sie nicht entnervt aufgaben, weil es so langsam voranging, wie kann man sie versorgen, wie können sich die meist für 14 Tage Eingeschlossenen entsorgen, wie und wo können sie schlafen? Und wie soll man die ganze Aktion bezahlen, die Miete für die Räume, die Nahrungsmittel, die Hilfsmittel?

Andere Tunnel wie der von Domenico Sesta, Luigi Spina, Wolfhardt Schroedter und später Hasso Herschel hatten Probleme mit Wassereinbrüchen, was ja auch dazu führte, dass man diesen Tunnel aufgeben musste, ohne dass er vom Osten entdeckt worden wäre. Natürlich kann man sagen, dass das gut so war, denn dadurch kam es wenigstens nicht zu einer Schießerei wie bei dem einen Tunnel von Harry Seidel, bei dem der Fluchthelfer Heinz Jercha am 27.3.1962 in der Heidelberger Straße von östlichen Grenzern erschossen wurde, oder beim Fuchs-Tunnel, bei dem die Vopos versehentlich einen eigenen Mann erschossen (Egon Schulz wurde vom Osten Jahrzehnte als Märtyrer herausgestellt, von subversiven westlichen Banden umgebracht, obwohl schon gleich nach der Obduktion klar war, dass er vom folgenden Kameraden erschossen worden war).

Andererseits hätte man durch den Tunnel 29 ohne den Wassereinbruch noch viel mehr Menschen in die Freiheit bringen können, schon weil es der erste Tunnel mit einer solchen Länge von fast 150m war. Nach seiner Entdeckung war die Stasi sehr überrascht, dass Laien, nicht professionelle Bergleute o.ä., zu dieser Leistung fähig gewesen waren. Sie reagierte aber rasch auf diese Methode der Fluchthilfe, mit dem Ergebnis, dass später nur noch zwei Tunnel erfolgreich "liefen".

Wenn man als Laie an das Buddeln eines Tunnels denkt, glaubt man immer, die Angst vor einem Verschüttet-Werden sei das Schwierigste, was ein Fluchthelfer zu bewältigen hatte. Das war in der Realität aber nicht so; natürlich hatte jeder Buddler diese Angst, aber nicht bestimmend. Die Berliner Erde ist so fest, dass man recht sicher sein konnte, dass hier nichts passierte. Und wenn das Erdreich nicht so stabil war wie bei dem Tunnel 29, wurde abgesteift. Angst musste man also eigentlich nicht haben. Vielleicht sind aber Fluchthelfer, die in einem Tunnel doch Angst gehabt hätten, gar nicht eingestiegen; die, die tatsächlich gegraben haben, berichten kaum von solchen Ängsten.

Viel heftiger wurde diskutiert, ob man beim Ausstieg im Osten bewaffnet sein sollte. Dass die Grenzer ohne Rücksicht auf Menschenleben sofort schießen würden, das hatte man ja schon erfahren. Wenn sie den Tunnelausgang entdeckt hatten, warfen sie manchmal sogar eine sog. geballte Ladung, d.h., 8 zusammengebundene Handgranaten, in den Schacht, bevor sie selbst einstiegen. Wenn in diesem Moment noch jemand im Tunnel gewesen wäre, hätte es ihm die Lunge zerrissen von dem Luftdruck der Explosion. Das war eindeutig eine kriegerische Handlung, das war Krieg, wie er im Osten auch propagiert wurde.

Trotzdem - oder gerade deshalb - waren viele Fluchthelfer der Meinung, dass die humanitäre Hilfe, die sie leisteten, nicht mit Waffengewalt durchgesetzt werden sollte. Das galt aber nie für Tunnelgräber: Um das körperlich extrem anstrengende und psychisch sehr belastende Graben durchzustehen, auch die Kasernierung für 2 oder 3 Wochen - an Weihnachten hatten sie einige grüne Zweige organisiert, um ihr Loch nicht verlassen zu müssen und weitergraben zu können - , auch das Nicht-Duschen-Können, das Schlafen mitten im Dreck, das Leben aus Konserven, um das alles durchzustehen, musste man, musste jeder einen gehörigen Schuss Hass auf das Regime drüben haben. Andererseits war das Graben eines Tunnels so gefährlich wie eine Flucht direkt über die Mauer.  Da MUSSTE man bewaffnet sein, schon aus dem Grund, weil man sich Mut machen wollte. Und es war auch jedem Tunnelgräber klar, dass er im Notfall, wenn ein plötzlich auftauchender Grenzer seine MP heben würde, dass er dann zuerst schießen musste, und zwar gezielt. Die Lebensgefahr gerade beim Ausstieg und dann beim Einsteigen der Flüchtlinge war so groß, dass es zu dieser harten Haltung keine Alternative gab, für keinen Tunnelgräber. Es kam aber auch vor, dass ein Fluchthelfer nicht in einen Tunnel einstieg, weil er auf keinen Fall auf einen Menschen schießen wollte.

Die Verknüpfung von Tunnel und notfalls Waffengebrauch war jedenfalls für jeden Tunnelgräber klar.

Diktatur

In einer Diktatur bestimmt ein Mensch oder eine Partei alles, ist Gesetzgeber, Ausführender und Kontroll-Instanz in einer Person. Das Charakteristische an einer Demokratie ist die Gewaltenteilung in Legislative (ein Parlament, das Gesetze erlässt und nicht nur von der Regierung vorbereitete Gesetze „abnickt“),  eine Judikative (die Gerichte, die durch Umsetzung von Gesetzen für Rechtssicherheit sorgen, aber auch die Legislative kontrollieren, indem sie Gesetze mit der Verfassung/dem Grundgesetz abgleichen), und eine Exekutive (Regierung und Verwaltung, die dafür sorgen, dass diese Gesetze auch „Kraft“ haben, Gesetzeskraft). Sinnvoll ist es, eine vierte Kraft, die Medien, dazuzuzählen, die unabhängig und ohne Zensur über das Zusammenspiel der genannten drei Gewalten wachen. Dazu kommen noch viele Details wie unabhängige und freie Wahlen, in denen das Volk darüber entscheidet, wer für einen vorher festgelegten Zeitraum regieren soll, Gesetze erlassen kann etc..

Weder im Nationalsozialismus noch in der DDR gab es eine Gewaltenteilung auch nur ansatzweise. Die Regierung der DDR gab sich zwar den Anschein einer vom Volk gewählten Herrschaft für das Volk, da aber keine der Wahlen geheim war, konnte schon vorher festgelegt werden, wer dann mit einer Quote von 99,x% ein Amt ausüben sollte. Auf diese Weise bestimmte die „staatstragende“ Partei, die SED, oft nach dem Diktat der Sowjetunion, wer im Politbüro oder im ZK, dem Zentralkomitee, saß (quasi die Regierung der DDR), welche Gesetze erlassen wurden, welche Zeitung was schreiben konnte etc.. Das Volk durfte nur tun, sagen und z.T. auch denken, was ihm von „oben“, von der Partei, die immer Recht hatte, vorgeschrieben wurde.

Einfache Geister, die Differenzierungen nicht lieben, fühlen sich häufig in einer Diktatur recht wohl, weil sie leicht zu durchschauen und auch zu kontrollieren ist. Das hat für überzeugte Nationalsozialisten genauso gegolten wie für begeisterte Kommunisten. In beiden Systemen setzten sich ja auch Diktatoren durch, die nichts anderes waren als gewaltbereite Kleinbürger, die das Nicht-Denken zur Maxime machten und für ihre Mitmenschen nur eine früher kaum gekannten Verachtung übrig hatten.

Sicher hat aber auch jede Demokratie ihre Probleme. Man muss sie aber als das mit Abstand kleinste Übel bezeichnen, das allein uns ein friedliches Miteinander erlaubt. Und das Erstaunliche: Statistisch lässt sich ganz eindeutig belegen, dass die Wirtschaft fast nur in Staaten „boomt“, die demokratisch regiert werden, während fast alle diktatorisch regierten Staaten Hilfe von außen zum Überleben brauchen! Die Gründe dafür brauchen hier nicht untersucht werden, obwohl es sie natürlich gibt. Hier zählt alleine der statistische und nicht widerlegbare Beweis der Fakten.

Flucht aus der DDR

Aus der DDR flohen von 1945, dem Ende des 2. Weltkriegs, bis zum Bau der Mauer am 13. August 1961 ca. 4,5 Millionen Bürger in den Westen, und das aus einem kleinen Staat mit nur 15 bis 17 Millionen Einwohnern, täglich durchschnittlich 770, in Spannungs-Phasen über 1000 pro Tag. Und es flohen nicht die Trägen, die sich mit allen Umständen arrangieren wollten, sondern gerade die Intelligenz, die Ärzte, Ingenieure, Hochschullehrer; aber eben auch die Arbeiter und Bauern, die ein bisschen weiter dachten. Allein diese „Abstimmung mit den Füßen“ zeigt, dass die SED bei freien Wahlen in der DDR nie die Chance gehabt hätte, eine Regierung zu bilden. Das stand auch gar nicht zur Debatte: Die Kommunisten wollten das Volk nach ihren Vorstellungen formen; dass das Volk sie wählen oder abwählen könnte, war völlig undenkbar!

Bert Brecht, ein überzeugter Sozialist/Kommunist, schrieb nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 ein Gedicht, das diese Situation trifft:

Die Lösung

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, dass das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

Fluchthelfer

Jeder, der bei der Flucht eines Bewohners der DDR in den Westen mithalf, wurde und wird als Fluchthelfer bezeichnet, egal, ob er Läufer, Passfälscher, Tunnelgräber oder Organisator einer Tour war. Deshalb kann man die Zahlen, mit denen angegeben wird, bei wie vielen Fluchten ein Helfer mitgeholfen hat, auch nicht addieren. Klar ist, dass kaum ein Einzelner Fluchthilfe leisten konnte, dass dazu immer eine ganze Organisation notwendig war, in der die Aufgaben je nach der Fähigkeit der einzelnen Helfer aufgeteilt waren.

Fluchthelfer

nochmals zu diesem Begriff: Um die Motivation der Fluchthelfer zu verstehen, muss man sich die Atmosphäre der damaligen Zeit vor Augen halten: Die Politik erschöpfte sich in Wehklagen und Anklagen, tat aber nichts, konnte nichts tun, wie wir heute wissen; die Presse klagte auch, hetzte gegen den angeblichen Sozialismus und machte Statistiken auf, der wievielte Tote an der Mauer das heute war; und in der Bevölkerung machte sich eine tiefe Depression breit, dass der Russe (in Berlin sprach man mehr in dieser Form von seinen Feinden, nicht als "die Russen") als nächstes dann West-Berlin einnehmen würde, wenn er nur wollte.

Da war es ungeheuer befreiend, in einer Gruppe mitzuarbeiten, die doch etwas machen konnte! Das schweißte die Mitglieder zusammen, das gab jedem Einzelnen Halt und machte ihn stärker, als er eigentlich war. Nur so kann man sich auch erklären, zu welchen Leistungen die Fluchthelfer damals fähig waren: fast ohne Schlaf teilweise über Wochen unter maximalem "Stress" zu arbeiten, mehrere Lebensläufe parallel im Kopf zu haben und die auch richtig zu beherrschen, d.h., den richtigen im richtigen Augenblick parat zu haben, ständig auf der Hut vor Verfolgern zu sein, sich ständig abzusichern, aber trotzdem noch völlig klar zu denken und zu handeln. D.h., es machte auch existentiellen Spaß, Fluchthelfer zu sein, weil man nicht in das allgemeine Lamento einfallen musste, sondern etwas tun konnte, und das mit Erfolg!

Andererseits war es für alle, für die Politik, die Presse und die Bevölkerung, ungeheuer wichtig, dass es Fluchthelfer gab: Man konnte offiziell nur klagen, wusste aber insgeheim, dass da doch etwas geschah, was die Untätigkeit etwas in Schutz nahm, sie entschuldigte. Vielleicht kann man das sogar vergleichen mit den Widerstandskämpfern im Dritten Reich, die ja der Bevölkerung auch so etwas wie eine bessere Identität gaben neben allem, das man nur beklagen konnte. In dieser Weise gaben die Fluchthelfer allen doch ein klein wenig das Gefühl, dass man nicht ganz ohnmächtig war, dass es Leute gab, die man zwar nicht kannte, aber es gab sie, die die Fahne der Freiheit hochhielten.

Diese Identität, die sich in West-Berlin etablierte, wurde erst Jahre nach dem Mauerbau gestört und später zerstört durch die offizielle Politik, die mit der sog. Politik der kleinen Schritte jetzt selbst Möglichkeiten sah, etwas zu tun, zunächst in Form der Passierschein-Abkommen. Jetzt störten die Fluchthelfer eher, vor allem, wenn man dann noch die Häftlinge, die es nun einmal immer wieder gab, freikaufen musste. Es war sicher einfacher, die Brüder und Schwestern drüben zu beklagen als ihnen wirklich zu helfen (man darf daran erinnern, dass die Bewohner der DDR erst zu Brüdern und Schwestern wurden, als die Mauer stand; vorher versuchte man mit allen Mitteln, den Zuzug zu verhindern, z.B. indem man nur dem eine Arbeitserlaubnis gab, der einen festen Wohnsitz nachweisen konnte, und nur dem eine Zuzugsberechtigung, der einen festen Arbeitsplatz hatte!).

Die Presse spielte mit in der Form, dass sie die - falsche (s.o.) - Differenzierung vornahm in ehrenhafte und unehrenhafte Fluchthilfe, und da mit den Jahren eine Flucht immer teurer wurde, konnte man die Helfer auch immer leichter ins Abseits schieben.

Erst seit dem Jahr 2000, als die Filme über den Tunnel 29 gezeigt wurden, beschäftige man sich wieder mit diesem Thema, zuerst in den Medien, danach auch in der Politik. Inzwischen hatte man auch das "Wiedervereinigungs-Trauma" überwunden und konnte nüchtern über einige Dinge sprechen, die vorher tabu waren, wie z.B. das Problem der Spitzel in allen Organisationen der BRD, auch bei den Fluchthelfern. Problematisch war, dass hier die Justiz versagte, weil sie die Taten in sehr vielen Fällen als verjährt einstufte und nicht bereit war, sie als außerordentlich einzustufen, was eine Verjährung verhindert hätte.

Mit diesem Dilemma müssen wir offensichtlich im Westen leben, dass zwar der eine oder andere Mauerschütze verurteilt wird, obwohl man sich die damalige Aggressivität der Vopos durchaus bis zu einem gewissen Grad erklären kann, dass aber eine Frau Honecker frei in Chile leben kann, dass ein Schuldirektor in Ehren seine Rente bezieht, der damals nicht ganz linientreue Lehrer und Schüler von der Schule relegierte, dass alle Spitzel, die Dutzende von Menschenleben zerstört haben (denn es war klar, dass der Versuch einer Republikflucht bedeutete, dass man lebenslang ausgestoßen und geächtet war), dass diese Spitzel heute unbehelligt unter uns leben dürfen.

Flüchtling

Die Fluchthelfer trennten nicht Flüchtlinge, also bereits in den Westen geflüchtete ehemalige Einwohner der DDR, von Fluchtwilligen, die ihre Flucht erst planten. Alle hießen Flüchtling: die in den Westen geflüchtet waren oder die das noch tun wollten. Diese Vereinfachung hatte rein praktische Gründe, keine ideologischen.

FU (Freie Universität)

Die FU, die Freie Universität in West-Berlin, war 1948 als politisches Gegenstück zur kommunistischen Humboldt-Universität (HU, in Ost-Berlin) gegründet worden, vor allem von Studenten und Professoren, die bis dahin im Osten gelehrt und gelernt hatten. Zu massiv waren die politischen Eingriffe der Machthaber im Ostteil der Stadt in Forschung und Lehre gewesen, sodass bei vielen Studenten schon 1946/47 der Wunsch aufkam, im Westteil eine neue Universität zu gründen. 1948 wollten Parteifunktionäre den Studenten einen Spruch von Lichtenberg, dass man alles anzweifeln solle und müsse, aus der Studentenzeitschrift „Horizont“ streichen, wobei gleichzeitig einige „Rädelsführer“ von der Universität geworfen wurden. Das war der Anlass, endgültig aktiv zu werden: Die Gründungsmitglieder konnten einige Villen („Wo Villen sind, ist auch ein Weg“) und frühere wissenschaftliche Institute im nach dem Krieg weitgehend unzerstörten Dahlem beziehen und auf diese Weise eine Art „Hinterzimmer“-Universität gründen.

Dass die Universitäten der DDR dagegen protestieren würden, war vorhersehbar. Beschämend aber war das Echo fast aller westdeutschen Universitäten, die die Gründung – weil politisch motiviert – ablehnten! Das war echtes Elfenbeinturm-Denken, das war tatsächlich der Muff von tausend Jahren! („Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ war ein Sponti-Spruch der 68iger). Stabilität bekam die FU dann  durch großzügige Spenden aus den USA, vor allem von der Ford Foundation, die den Bau zentraler Gebäude und von Vorlesungsräumen ermöglichten.

Ganoven

Die Fluchthilfe geriet mit der Zeit immer mehr in Verruf, weil die Fluchthelfer - jeder - ab 1962 Geld von den Flüchtlingen nehmen mussten. Die Propaganda des Ostens hetzte gegen Fluchthelfer sowieso als kriminelle Elemente; ab 1962 waren sie in den Augen der Stasi kommerzielle Kriminelle. Leider unterschied auch der West-Berliner Senat und mit ihm die Presse bald zwischen einer guten idealistischen und einer kommerziellen schlechten Fluchthilfe.  Diese Unterscheidung war von Anfang an falsch: Es kommt in erster Linie darauf an, eine Sache gut, perfekt, zu machen, und in zweiter Linie auf die Motivation. Jeder Arzt, jeder Anwalt versucht, Gutes zu tun - und nimmt Geld dafür.

Natürlich sagten sich die Fluchthelfer immer wieder, dass die Flüchtlinge, die sich jetzt im Westen eine neue Existenz aufbauen mussten, doch nicht auch noch für ihre Flucht bezahlen sollten. Man versuchte deshalb, Geld von Politikern, Industriellen oder auch kirchlichen Organisationen zu bekommen; allerdings mit minimalem Erfolg. Dabei spielte auch der Verfassungsschutz eine unrühmlich Rolle: Alle Angesprochenen wandten sich an diese Organisation, um sich rückzuversichern, dass die Fluchthelfer dort bekannt und in Ordnung waren, und alle erhielten ganz wachsweiche Antworten nach dem Schema: Na ja, das sind eben Studenten, die machen da was, aber so genau weiß man das auch nicht. Auf dieser Basis war natürlich niemand bereit, auch nur ein paar Mark für unsere von der Politik so viel beschworenen Brüder und Schwestern zu geben.

So kam nur ein Bruchteil der Summen zustande, die für die späteren Touren notwendig gewesen wären, und deshalb mussten eben die Antragsteller oder die Flüchtlinge bezahlen. Viele Fluchthelfer wollten so realistisch nicht sein und machten deshalb z.T. sehr hohe Schulden, liehen sich privat Geld, um die Vorbereitungen zu einer neuen Tour nicht abbrechen zu müssen. Wenn dann die Tour nicht lief oder die gerade geholten Flüchtlinge nicht bezahlten, was eben auch immer wieder vorkam, dann hatten die Fluchthelfer die Schulden, und da half den Helfern niemand.

Im Gegenteil: Die Politik stellte immer wieder die Forderung, dass man doch weitere Aktivitäten unterlassen sollte, weil das die Passierschein-Gespräche störe. Der Hinweis, dass bei einer guten Politik die rechte Hand nicht wissen müsse, was die linke tat, zog hier wenig, weil der Osten für derartige Argumente keinen Sinn hatte. Andererseits waren die Politiker aber auch nicht bereit, die Schulden der Fluchthelfer, die sie ja für andere Menschen gemacht hatten, zu übernehmen (es war einige Zeit ein Tauschgeschäft im Gespräch: die Fluchthelfer hören auf und stören so die Politik der kleinen Schritte nicht mehr; dafür übernimmt der Berliner Senat die Schulden der Fluchthelfer; die Gespräche wurden aber von den Beauftragten des Senats nur immer weiter in die Länge gezogen, ohne dass eine konkrete Vereinbarung herauskam). Das führte dazu, dass selbst die gutwilligsten Fluchthelfer sich von den Antragstellern oder den Flüchtlingen Schuldscheine unterschreiben ließen, um notfalls das "Honorar" für die Flucht einklagen zu können.

Die Summen lagen 1968 pro Person bei ca. 10 000.-DM, und da 1967/1968 einige Touren recht gut liefen, konnten alle Fluchthelfer ihre Schulden abbezahlen. Um das klar zu stellen: Diese Fluchthelfer waren die Gleichen wie die schon bekannten der ersten Stunde, und sie waren keinen Deut weniger ehrenhaft, weil sie Geld genommen haben. Die Gleichsetzung: Geld nehmen von armen Flüchtlingen = unehrenhaft, die in der öffentliche Meinung oft gemacht wurde, stimmte nie.

Durch die Hartnäckigkeit von einigen Fluchthelfern, die den Weg durch die Instanzen nicht scheuten, wurde diese Frage einerseits vom Bundesverwaltungsgericht im Juli 1977, AZ G8C55+77, so entschieden, dass ein Fluchthelfer nach im Osten verbüßter Haft ganz normal nach dem Häftlings-Hilfe-Gesetz Haftentschädigung zu bekommen habe, wenn der Fluchtversuch überwiegend im Interesse des Flüchtlings (und nicht überwiegend im finanziellen Interesse des Helfers) durchgeführt wurde, dass er also einem politischen Häftling gleichzusetzen sei, und der Bundesgerichtshof entschied im September 1977, AZ III ZR164/75, ganz eindeutig, dass ein Fluchthelfervertrag, d.h., wenn ein Flüchtling oder Antragsteller einem Fluchthelfer einen Schuldschein unterschreiben musste, nicht gegen die guten Sitten und nicht gegen gesetzliche Vorschriften verstoße, dass dieser Schuldschein also einklagbar war. Im Urteil hieß es, dass die Motivation entscheidend sei: Wenn ein Helfer anderen Menschen helfen wolle, sei das ehrenhaft, auch wenn er Geld dafür verlange, selbst wenn er dabei noch etwas verdiene; unehrenhaft sei eine Aktion nur dann, wenn der finanzielle Vorteil des Fluchthelfers im Vordergrund stehe, das Schicksal des Flüchtlings nebensächlich sei. Zu dem gleichen Ergebnis kommt das Urteil der Berliner Kammergerichts vom 19.9.1975, AZ 18 O 1359.74 und 18 O 94.74, in dem alle nur denkbaren juristischen Hinderungsgründe diskutiert werden, die der Einklagbarkeit eines Schuldschein entgegen stehen könnten; in der Begründung werden aber alle Einwände verworfen, sodass der Fluchthelfer den vollen ausgemachten Betrag erhielt.

Auf dieser Basis mussten alle Flüchtlinge der genannten Fluchthelfer bezahlen; alle Anfechtungen der Schuldscheine - das wurde immer wieder versucht, weil die Summen doch erheblich waren - blieben erfolglos. Auch Anzeigen wegen Erpressung, Nötigung, Freiheitsberaubung etc. (man sei unter der Androhung, wieder in den Osten gebracht zu werden, zur Unterschrift unter den Schuldschein gepresst worden) hatten nie Erfolg. Obwohl es damals nur einen Freispruch mangels Beweises gab, formulierte ein Richter das sogar so: "Der Mangel an Beweisen geht so weit, dass er an den Beweis einer Unschuld heranreicht". Bei der Justiz, anders als in der Presse und in weiten Teilen der Öffentlichkeit und Politik, sah man die Fluchthilfe also ganz pragmatisch: Eigentlich ungesetzliche Handlungen wurden durch den sichtbaren Notstand gedeckt, waren deshalb erlaubt und konnten deshalb auch finanziell berechnet werden.

Notwendigerweise mussten sich aber die Fluchthelfer, die ihre Aufgabe eigentlich nur darin sahen, anderen Menschen unbürokratisch zu helfen, mit diesen juristischen und fiskalischen Dingen auseinandersetzen, was auch dazu führte, dass immer weniger Menschen bereit waren, hier mitzuhelfen, höchstens gegen hohe Bezahlung. In sofern hatte die Politik des Berliner Senats und die Propaganda des Ostens doch Erfolg, dass eine Hilfe zur Flucht immer seltener wurde und man sich auf das allgemeine Zucken der Schultern zurückzog.

Anders war das bei Fluchthelfern, die in späteren Jahren oft die Szene bestimmten, denen es eben tatsächlich in erster Linie darauf ankam, mit Fluchthilfe Geld zu verdienen. Hier war die Kritik von Presse und Politik durchaus berechtigt, denn die Not anderer Menschen zu seinem Vorteil auszunützen, war noch nie ehrenhaft.

Der Begriff "Ganove" wurde aber auch von den Fluchthelfern immer sehr viel großzügiger verwendet: Wenn jemand nicht Student war, keinen anderen ordentlichen Beruf hatte, wenn eine Tour ziemlich teuer war, waren die Organisatoren dieser Tour "Ganoven". Z.T. kamen sie tatsächlich aus dem Rotlicht-Milieu, z.T. waren es einfach Abenteurer, die hier eine Chance sahen, außerhalb der normalen Legalität aktiv zu werden und dafür noch Anerkennung und Geld zu bekommen.

Teilweise suchten auch seriöse Fluchthelfer durchaus die Hilfe von Ganoven, wenn sie eben keine eigene Tour am Laufen hatten. Zumindest in einem Fall wurde der wichtigste Mann, der Fahrer eines umgebauten Autos mitsamt seinem Auto, abgeworben, ohne dass die Ganoven das gemerkt haben. Allerdings war klar, dass diese Touren natürlich Geld kosteten, schon vor der Realisierung der Tour, aber auch dabei.

Ganoven als Fluchthelfer waren also zumindest halbseiden. Richtig kriminell waren sie aber nicht, denn sie legten schon Wert darauf, dass eine Tour auch lief. Wenn sie eine Tour angeboten hätten, die dann gleich platzte, konnten sie mit weiteren Aufträgen ja nicht rechnen, und das wollten sie in jedem Fall vermeiden.

Aber im Hinblick auf die Motivation gab es schon erhebliche Unterschiede zu den Fluchthelfern aus idealistischen Gründen.

Natürlich gab es noch eine erhebliche Bandbreite an Möglichkeiten und Charakteren, die nicht so eindeutig einzustufen sind: War z.B. Wolfgang Fuchs halbseiden, weil er Touren initiierte, die z.T. sehr gefährlich waren, bei denen dann tatsächlich auch geschossen wurde (z.B. seine Fluchthilfe direkt über die verschiedenen Stacheldraht-Zäune, z.B. mit einem Kranwagen etc.; zum Glück wurde dabei aber niemand verletzt). Oder was soll man von Zeitungsanzeigen halten, die Hilfe bei einem Umzug anboten, wobei die Fluchthelfer auch erhebliche Summen kassierten, die Flucht dann aber durchaus professionell durchzogen (z.B. Lenzlinger)?

Man kann auch ganz einfach eine Bilanz aufmachen: Wie viele Fluchten gelangen bei der und der Gruppe, wie viele gingen schief? Aber daraus auf die Seriosität einer Gruppe zu schließen, ist sicher nicht erlaubt, denn ganz wichtige, absolut integre Fluchthelfer hatten unglaubliches Pech mit Spitzeln, wodurch ihre Bilanz natürlich nicht so gut war wie ihr Wille.

Vielleicht sollte man akzeptieren, dass es in der Einstufung zwischen völligen Idealisten bis hin zu Kriminellen sehr viele Schattierungen gab. Presse, Politik und z.T. auch die Bevölkerung versuchten zwar, eine ganz krasse "Schwarz-Weiß"-Differenzierung in moralischer Hinsicht vorzunehmen; sie ist aber nach allem nicht sehr sinnvoll. Viel besser ist eine Unterscheidung zwischen Profis und Laien, Profis, die die Materie kannten, sich jahrelang damit beschäftigt haben, die auch in größeren Gruppen und über eine längere Zeit zusammen arbeiteten, und Laien, die in Einzelfällen zu helfen versucht haben, bei denen aber notwendigerweise relativ viele Flucht-Versuche schief gingen, wenn sie nicht den Überraschungseffekt des ersten Mals für sich hatten.

Optimal war eine Zusammenarbeit zwischen solchen Laien und Profis, wie sie z.B. in der sog. Heinrich-Heine-Tour (s. dort) realisiert wurde. Hier kam die Idee der Tour von Laien, die einem Freund helfen wollten, ausgeführt wurde sie von Profis, zuerst auch unter Mithilfe dieser Laien mit dem Genieblitz. Leider fanden Profis und Laien nicht oft zusammen, obwohl die unmöglichsten Versuche angestellt wurden, professionelle Fluchthelfer zu treffen. Aber wenn ein Reporter, ein Politiker oder ein Mann vom Verfassungsschutz etwas wussten, dann wurde das zumindest in der Anfangszeit ganz streng geheim gehalten, sodass eben solche weiterführenden Kontakte sehr selten waren.

geplatzt

eine Tour ist geplatzt oder aufgeflogen: die Grenzer oder die Stasi - was oft identisch war - hatten die Tour entdeckt, so dass sie nicht mehr zu verwenden war. Jetzt waren die Bezeichnungen auch präziser: man sagte z.B., dass der Tunnel geplatzt war oder das umgebaute Auto.

holen

einen Flüchtling holen: einen Bewohner der DDR in den Westen holen, auf welchen Wegen auch immer.

laufen

eine Tour lief: der ausgetüftelte Weg funktionierte, man konnte jetzt Flüchtlinge darüber holen.

Läufer

Sicher der am häufigsten verwendete spezifische Begriff. Damit wurden Menschen bezeichnet, die von West-Berlin in den Ostteil der Stadt reisen konnten, um dort einen Flüchtling zu treffen. In der ersten Woche nach dem Bau der Mauer konnten das auch West-Berliner, später über Jahre hinweg nur Westdeutsche (nur die erhielten dann noch eine Tages-Aufenthaltsgenehmigung) und Ausländer.

Ein Läufer musste je nach Situation auch alle mit dem Flüchtling zusammenhängenden Dinge tun, also z.B. in Ost-Berlin Pässe fälschen, Flüchtlinge, die in Gefahr waren, bei anderen Leuten verstecken etc.. Aber klar war aus Sicherheitsgründen auch, dass ein Läufer z.B. nie oder nur im Notfall Pässe, Medikamente oder Bücher in den Osten transportierte (diese Arbeiten übernahmen andere Helfer, die - vor allem beim Schmuggel von Pässen - dafür z.T. auch bezahlt wurden, die sich des hohen Risikos also durchaus bewusst waren).

Spitzel

Es gab auch in der Fluchthilfe-Szene Spitzel, die z.T. ganz erheblichen Schaden angerichtet haben, vor allem

  • Jürgen Mielke, geb. 27.10.1941 in Berlin, Kellner
  • Dr. Georgios Raptis, geb. 3.2.1938 in Lesbos/Griechenland, Chemiker bei Schering in Berlin, später wieder zurück in Griechenland und sehr krank, gestorben am 2.8.2008
  • Siegfried Uhse, Friseur, später arbeitslos in Westberlin, jetzt evtl. in Thailand oder in der Nähe von Nürnberg untergetaucht (er soll krank sein)
Stasi

In der DDR arbeiteten 1989 ca. 91.000 Menschen hauptamtlich bei der Stasi, im Ministerium für  Staatsicherheit (MfS). Dazu kamen 189.000 IM („inoffizielle Mitarbeiter“, „informelle Mitarbeiter“, „geheime Informanten“ etc.), darunter 3.000 Bundesbürger, die spezielle Dienste im Westen erfüllten (dazu noch 12.000 „Schläfer“ in der Bundesrepublik, die nur auf Kommando irgendwann aktiv werden sollten). Sie alle waren höchst effiziente Mitarbeiter der Stasi mit der Hauptaufgabe, ihre Nachbarn und Verwandten zu bespitzeln. Im Herbst 1989 gab es also ca. 280.000 Menschen in der DDR, die inkognito gegen die Bürger des eigenen Volkes gearbeitet haben. D.h., auf 58 „normale“ Bürger der DDR kam 1 Stasi-Mitarbeiter, statistisch ein Verhältnis von ca. 1:60. Bei den Ärzten war im Übrigen jeder 20. für die Stasi aktiv! Genauso viele waren es innerhalb der SED, der „staatstragenden“ Partei; in den Streitkräften spitzelte jeder Zehnte für die Stasi. Damit war die Stasi der größte geheimdienstliche Apparat der Weltgeschichte! Solange die DDR existierte, dienten insgesamt ca. 900.000 Menschen dieser – man muss es so sagen – kriminellen Vereinigung (s.u.).

Nicht erfasst sind hier die Millionen von „Auskunftspersonen“, die es mit steigender Tendenz zu allen Zeiten in der DDR gab. Sie berichteten der Stasi oft ganz bewusst und bereitwillig, was die wissen wollte über Arbeitskollegen, Nachbarn, Familienmitglieder, über Mandanten von Rechtsanwälten und Patienten von Ärzten, oder auch – z.B. nach genehmigten Auslandsreisen – über die Arbeitsverhältnisse im kapitalistischen Ausland. Sie unterschrieben nie eine Verpflichtungserklärung und waren doch ein wesentlicher Teil des Unterdrückungsapparats der Stasi (das sahen manche Richter doch sehr blauäugig, als sie z.B. Gregor Gysi freisprachen vom Vorwurf, einer kriminellen Vereinigung gedient zu haben).

Bei allen Unterschiedlichkeiten der beiden deutschen Diktaturen in diesem Jahrhundert ist vielleicht doch ein Vergleich interessant: Im Nationalsozialismus gab es im gesamten Deutschen Reich 32.000 Gestapo-Mitarbeiter (Geheime Staatspolizei), also 1 Mitarbeiter auf 2.500 „normale“ Bürger (andere Berechnungen kommen sogar zu einem Ergebnis von 1:8.500; für die Sowjetunion und den dortigen KGB hat man eine Relation von 1:600 errechnet, also ein Zehntel dessen, was in der DDR üblich war). Dabei ist allen klar, dass der Nationalsozialismus einen absolut menschenverachtenden Unterdrückungs- und Bespitzelungsapparat besaß. Zumindest im Hinblick auf Bespitzelung und Überwachung übertraf die DDR die frühere Diktatur aber um ein Vielfaches! Auf einen Gestapo-Mitarbeiter kommen statistisch über 43 (bzw. fast 150) Stasi-Mitarbeiter, Menschen, die man in beiden Systemen nur als Verbrecher bezeichnen kann, weil sie ausschließlich und mit menschenverachtenden Methoden gegen die eigene Bevölkerung gearbeitet haben.

Die Bevölkerung des Deutschen Reiches umjubelte ihren „Führer“ und die Diktatur im Nationalsozialismus  erschreckend einheitlich auch noch, als sie eigentlich längst hätte erkennen können, dass sie in einem totalitären Unrechtsstaat lebte. Anders in der DDR: Hier stand die Bevölkerung nie auch nur einigermaßen mehrheitlich hinter ihrer Regierung und dem Sozialismus. Deshalb sahen die Machthaber die extreme Bespitzelung aller Bürger durch die Stasi als absolut notwendig an.

Die DDR war eine andere Diktatur als der Nationalsozialismus, aber eben eine Diktatur, auch wenn das viele Nachgeborene nicht wahrhaben wollen! Wobei das sog. „Dritte Reich“ der Nazis auch dann ein Unrechtsstaat und eine Diktatur gewesen wäre, wenn man damals keine Juden und Kommunisten umgebracht und keinen Weltkrieg entfacht hätte!

Das Erschreckende an diesen Spitzel-Apparaten ist, dass die meisten Mitglieder Überzeugungstäter waren oder zumindest während ihrer Tätigkeit wurden. Andere Menschen unsicher zu machen, sie zu ängstigen, willkürliche Macht in jeder Form über sie auszuüben, übte offensichtlich eine erhebliche Faszination auf viele Menschen aus.

Eine Bespitzelung mündete häufig in Inhaftierung und Folter: In der kleinen DDR gab es bis 1989 insgesamt 170.000 politische Gefangene (ca. 72.000 davon wegen „Republikflucht“); ca. jeder 90. Bürger der DDR saß also irgendwann mehr oder weniger lang aus politischen Gründen im Gefängnis, Säuglinge, Kinder und Greise mit eingerechnet. Daneben wurden ca. 130.000 Bürger aus politischen Gründen verfolgt, massiv verhört, geprügelt, gefoltert und durch „Legenden“ (zur Denunziation erfundene Lügengeschichten) „zersetzt“ (DDR-Jargon; heute würde man „gemobbt“ sagen, aber eben nicht nur am Arbeitsplatz). Die Gefahr einer solchen Zersetzung bestand genauso in der Familie und im Freundeskreis, meist so hinterhältig und wirkungsvoll inszeniert, dass viele Bürger nach der Wende beim Einsehen ihrer Stasi-Akten bis in ihre Grundfesten erschüttert waren, als sie feststellen mussten, dass z.T. ihre besten Freunde, zu denen sie absolutes Vertrauen hatten, sie ausgespäht und alles direkt an die Stasi gemeldet hatten. Eine der üblichen Methoden der Zersetzung, die nur möglich war, weil alle Angst vor der Stasi hatten, war das Ausstreuen des Gerüchts, dass der, der zum Opfer gemacht werden sollte, ein Spitzel für die Stasi sei. Sofort rückten alle Freunde und Kollegen von ihm ab und hielten sich in Zukunft in sicherer Deckung, sprachen nicht mehr mit ihm etc..

In der berüchtigten Richtlinie der Stasi 1/67 werden 7 „bewährte anzuwendende Formen der Zersetzung“ und 5 „bewährte Mittel und Methoden“ beschrieben, z.B. die „systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes“ oder die „systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens“. Durch die Anwendung dieser Methoden war es meist gar nicht mehr notwendig, die „Verdächtigen“ ins Zuchthaus zu werfen; sie wurden schon weit davor „zerstört“. Die Stasi war darauf sehr stolz: In einem Jahresbericht wird festgestellt, dass die weiter angestiegene Zahl von Suizidversuchen (und Suiziden) auf diese „operative Zersetzung“ zurückgehe.

Insgesamt wurden also in der kleinen DDR in den wenigen Jahren, die sie existierte, ca. 300.000 Menschen aus politischen Gründen verfolgt, ca. jeder 50. Bürger. Auch heute noch sehen die ehemaligen Stasi-Mitarbeiter diese Menschen als Verbrecher, die sie mit all ihrer Macht „kaputt“ machen sollten und wollten. Sehr viele dieser Opfer erlitten durch die „Behandlung“ der Stasi eine sog. Posttraumatische Belastungsstörung, wurden depressiv oder psychosomatisch krank. Viele konnten diese Verletzungen auch nie mehr im Leben überwinden. Sie waren „gebrochen“, ihr Leben lang. Ihre besondere Tragik ist, dass sie natürlich nie medizinisch betreut wurden, nie betreut werden konnten, weil der Staat und die Stasi sie ja leiden lassen wollte.

Die Stasi nahm ihren Auftrag sehr ernst, fühlte sich als „Schild und Schwert“ der in der DDR allein entscheidenden Partei, der SED, gab sich aber immer, wenn es opportun schien, eigene Gesetze, war also ein Staat im Staate. Real, was die Auswirkungen ihrer Tätigkeiten betrifft, war sie eine kriminelle Vereinigung, die das Recht beugte, wie es ihr gefiel, und die die Bürger der DDR nach eigenem Gutdünken und ohne Kontrolle drangsalierte.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch das Ergebnis meiner eigenen Recherchen: Viele Bürger der DDR hatten sich in ihrem Staat „eingerichtet“. Sie mussten zwar ihre Kinder zum Lügen erziehen (schon die Vierjährigen hatten im Kindergarten zu schwindeln, dass sie angeblich nur das Ost-Sandmännchen, die Abbildung der Uhr dort (die sah anders aus als beim Sandmännchen im Westen) und die entsprechenden Fernseh-Folgen kannten, obwohl in fast allen Haushalten nur „West-Fernsehen“ lief); sie mussten z.B. in der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ widerwillig aktiv sein, wenn sie schon nicht in die Partei, die SED, eintreten wollten; aber man konnte leben – wenn man nicht aus irgendwelchen oft harmlosen und zufälligen Gründen in die Hände der Stasi fiel. Wenn das aber der Fall war, prügelte oder folterte die Stasi meist völlig harmlose Bürger zu Feinden des Staates. Sie „machte“ sich ihre Gegner auf diese Weise häufig selbst! So z.B. auch Hasso Herschel, der vor seiner fast zufälligen „Behandlung“ durch die Stasi ein begeisterter Jungpionier und FDJler war. Danach blieb nichts von dieser Begeisterung übrig; jetzt war er Staatsfeind auf Dauer. Ähnliche Erfahrungen hatten viele Bürger der DDR gemacht, die dann mit unserer Hilfe in den Westen fliehen konnten.

Konkret: Jeder 4. Bürger der DDR war bis 1961 in den Westen geflohen, vom Rest (DDR = „Der Doofe Rest“ war ein bekannter Witz, für den man leicht 2 Jahre im Zuchthaus landen konnte) war jeder 58. bei der Stasi, und jeder 90. saß aus politischen Gründen im Gefängnis oder hatte das mit entsprechenden psychischen Schäden hinter sich. Ohne die Mauer wäre dieser Staat schon 1961 kollabiert, allerdings wohl nicht so friedlich wie 1989. Konnte irgendjemand, kann irgendjemand stolz auf diese Diktatur sein?

Und wenn je doch, muss er sich schon fragen lassen: zu welchem Preis? Oder: auf wessen Kosten? „Wir waren uns darüber im Klaren, dass wir irgendwann alle Dreck am Stecken haben würden; etwas anderes war gar nicht möglich. Man wusste ja irgendwann nicht  mehr, wo ein Verhalten noch taktisch und wo es bereits Opportunismus geworden war“, sagte dazu Wolfgang Engel, der ehemalige Leipziger Schauspiel-Intendant.

Der Sozialismus/Kommunismus als Staatsform machte – wie jede Form von Diktatur – den Menschen auch ohne eigenes Zutun schuldig, auch wenn er nur zusah und sich nicht anders als durch Schweigen wehren konnte. Diese „moralische Schuld“ muss man aber ganz eindeutig abgrenzen gegen die tatsächliche Schuld der Täter, die diesen Unrechtsstaat vertreten und propagiert haben.

Taucher

Wenn ein Flüchtling zu groß war, um in das Versteck eines umgebauten Autos zu passen, fuhr ein ähnlich großer, aber doch etwas kleinerer Helfer, der Taucher, zu dem Flüchtling, gab ihm seinen Pass, den man u.U. noch umhängen musste, und wurde dann in dem Versteck des Autos wieder in den Westen gebracht. Der Flüchtling kam auf den Pass des Tauchers herüber, z.T. mit dem Zug, z.T. auch im Begleitfahrzeug, wobei klar war, dass das ein Tramper war, den man zufällig aufgelesen hatte und überhaupt nicht kannte. Mit dieser "story" wäre wenigstens der Fahrer des Begleitfahrzeugs einer Verhaftung entgangen, wenn bei dem Flüchtling etwas aufgefallen wäre. Diese Variante musste z.B. einmal gemacht werden, als eine schwangere Frau im 9. Monat kommen sollte, die die körperlichen Strapazen einer Flucht in einem Versteck nicht hätte durchstehen können.

Wenn der Flüchtling mit dem Pass herüberkam, musste er natürlich auch westliche Kleidung tragen. Die musste man ihm mitbringen, oder Taucher und Flüchtling tauschten z.T. ihre Kleider.

Bei manchen Autos war das Versteck sehr klein war (s.o.). Dann musste man häufig auf Taucher zurückgreifen, weil eben fast alle Flüchtlinge zu groß waren; die Schwierigkeit war dabei immer, körperlich kleine Helfer zu finden, die diese Tour auch wieder und wieder ausführen konnten und wollten.

Tour

bezeichnete jeden Weg über die Grenze oder durch die Mauer; eine Tour konnte also ein Tunnel sein oder ein Trick mit Pässen. Dieser Begriff wurde vor allem verwendet, wenn man aus Sicherheitsgründen dem Gegenüber nicht genau sagen wollte, wie die Tour lief. Wenn man etwas genauer sein konnte oder wollte, sprach man von einer Auto-Tour, einer Pass-Tour, einer Tour über das Ausland etc..

Transporteur

Damit bezeichnete man Fluchthelfer, die Pässe, später auch Medikamente und Bücher, in den Osten brachten. Pass-Transporteure waren fast immer Angestellte irgendeines Konsulats oder einer Botschaft, also Ausländer, die von der Vopo, der Volkspolizei an der Grenze, weniger gründlich kontrolliert wurden.

Bücher und Medikamente transportierten vor allem engagierte Studenten. Häufig benutzten sie dazu einen Motorroller; die Grenzer vermuteten nicht, dass mit diesem Billig-Gefährt geschmuggelt werden sollte, und kontrollierten deshalb immer etwas oberflächlich, so dass nie eine derartige "Tour" aufflog. Als Weg wurde fast immer die Interzonen-Autobahn benutzt, wobei die Studenten das "Material" an festgelegten Punkten an Parkplätzen ablegten. Es wurde dann später von den Adressaten im Osten abgeholt, nachdem die sich vergewissert hatten, dass "die Luft rein" war (die DDR hatte ein Sicherungssystem etabliert, das relativ schwierig auszutricksen war: Rentner, die sich so ein Zubrot verdienten, beobachteten die einzelnen Parkplätze, teils offen, wenn sie aber bösartig waren, auch aus einem Versteck heraus. Selbst die Ablage von Material, erst recht das Abholen durch Bewohner der DDR, war deshalb recht gefährlich).

Pässe wurden also fast nur von West- nach Ost-Berlin transportiert, andere Dinge häufig auch über die Autobahn zwischen Berlin und der Bundesrepublik, hier vor allem Richtung Hannover, weil das die Strecke war, die am kürzesten durch die DDR führte.

umhängen

Wenn kein Pass zur Verfügung stand, der dem Flüchtling ähnlich war, wenn aber wenigstens Alter und Größe einigermaßen stimmten, dann tauschte man das Bild im Pass mit dem des Flüchtlings, man hängte das Bild um. Das war damals nicht so problematisch, weil die Bilder nur mit 2 Ösen im Pass befestigt waren, und die konnte man entweder schonend von innen mit einer Rundfeile oder schneller mit einer Flachfeile auffeilen, bis sie abfielen. Das neue Bild wurde dann mit einer entsprechenden Ösenzange wieder im Pass befestigt.

Bei dem fast immer angewendeten Feilen mit der Flachfeile feilte man natürlich von oben, von der Bildseite her, um den Pass selbst nicht zu beschädigen; es war in jedem Fall harmloser, das Bild im Pass zu beschädigen als den Pass selbst. Aber auch das Bild sollte nach Möglichkeit unbeschädigt bleiben, weil man es ja hinterher wieder "zurückhängen" musste, um den Pass dann dem Eigentümer zurückgeben zu können.

Die Zangen gab es im Handel, die entsprechenden Ösen auch, manche mit mehr Kupfer-Anteil, manche mit weniger; hier konnte man sich nach den Ösen richten, die man herausgefeilt hatte.

Ziemlich schwierig war es aber, das Bild so zu stempeln, dass es echt aussah. Das Stempelsegment auf dem neuen Bild musste ja absolut identisch mit dem Segment auf dem alten Bild sein.

Z.T. hatten die Fluchthelfer Original-Stempel und Blanko-Pässe, allerdings fast nur aus dem Ausland; die deutschen Landratsämter waren fast ohne Ausnahme zutiefst erschrocken und erschüttert, wenn man an sie das Ansinnen stellte, bei einer Passfälschung behilflich zu sein (die Mauer stand für die meisten Westdeutschen sowieso weit weg im Ausland, und dafür war man nicht zuständig!). Aus Belgien aber kam einaml ein Kurier mit einem ganzen Koffer voller Blanko-Pässe und mit den entsprechenden Original-Stempeln der Gemeinde; hier waren es häufig die Gruppen, die früher im Untergrund gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten und sofort begriffen, dass sie hier helfen konnten und mussten.

Jedenfalls war es einfach, einen solchen Pass mit dem Bild des Flüchtlings zu präparieren. Man konnte sogar den Namen ähnlich dem realen Namen des Flüchtlings wählen, so dass die Vorbereitung zur Flucht für ihn nicht so schwierig war. Die Fluchthelfer mussten nur eine Schreibmaschine haben, mit der man auch Ausweise ausfüllen konnte, und das war eigentlich nie ein Problem.

Schwieriger aber gestaltete sich die Herstellung eines Passes, wenn man zum einen den Stempel nachmachen und dann auch noch das richtige Segment auf das Bild des Flüchtlings bringen musste.

Zum Nachmachen eines Stempels wurden schon recht moderne Techniken verwendet, indem die Originalstempel mit einer speziellen Kamera fotografiert wurden (1:1); eine solche Kamera war natürlich Gold wert, weil es sie im Handel nicht gab, zumindest nicht für das eingeschränkte Budget der Fluchthelfer. Aber Drucker, Repro-Fachleute und ähnliche Spezialisten in West-Berlin liehen derartige Kameras an die Fluchthelfer aus oder schenkten sie ihnen, auch und gerade, wenn sie den Verwendungszweck kannten.

Die Bilder mussten dann noch stark vergrößert und retouchiert werden, weil die Stempel in einem Pass nie perfekt sind. Jeder Beamte wackelt beim Stempeln etwas, oder der Stempel verwischt mit der Zeit ein wenig und wird unscharf.

Die danach wieder auf Originalgröße gebrachten Bilder waren aber praktisch identisch mit dem Originalstempel der offiziellen Behörde. Nach diesen Bildern konnte man dann einen Stempel anfertigen, der ganz selten nach entsprechenden Tests mit einem Skalpell noch etwas nachgeschnitten werden musste. Erst jetzt war der Stempel einsatzbereit.

Diese ganze Prozedur war notwendig, um einem einzigen Pass zu verändern. Da die Fluchthelfer aber Pässe aus diversen Gemeinden hatten, waren die studentischen "Fälscher" lange Zeit erheblich beschäftigt, solange eben Pässe zu einer Flucht verwendet werden konnten.

Die Gummistempel wurden auf Holzhalter aufgezogen. Damit stempelte man jetzt versuchsweise einen Bogen Papier und maß aus, welches Segment auf das Passfoto kommen sollte. Dieses Segment konnte man auf der Holzhalterung mit zwei Strichen markieren. Wenn man nun das Bild des Flüchtlings genau mit diesem Segment stempelte und wenn man es dann noch exakt mit den gleichen Ösenlöchern in den Pass einfügte, konnte selbst ein Spezialist die Fälschung nicht erkennen.

Diese Arbeit wurde normalerweise im Westen erledigt. Bei der sog. Heinrich-Heine-Tour (s. dort) war es z.T. aber notwendig, den Pass im Ostteil der Stadt umzuhängen. Das bereits gestempelte Bild des Flüchtlings konnte hier der Läufer mitnehmen; es konnte ja immer ein Erinnerungsfoto sein. Auch das Umhängen machte der Läufer selbst. Für den Schmuggel der Ösenzange und der Ösen wurden aber immer andere Helfer verwendet, die nur diese eine Aufgabe hatten, die natürlich alleine schon gefährlich genug war, denn die Vopo wusste genau, wozu solche Zangen verwendet werden konnten. Zum Schmuggeln hatte man bestimmte Verstecke in bestimmten PKW-Typen, die die Vopo oder Stasi erst später, als die Pass-Tourein nicht mehr liefen, herausbekommen haben (z.B. im Getriebeschacht eines bestimmten VW-Typs).

In jedem Fall war also das Umhängen eines Passes immer ein relativ aufwendiges Verfahren und erforderte eine ganze Reihe von spezialisierten Helfern.

Vier-Mächte-Status

Nach den Konferenzen der späteren „Siegermächte“ (ohne Frankreich) 1944 in Malta und Jalta unterschrieben die Außenminister der USA, Großbritanniens und der UdSSR schon am 12. September 1944 in London ein Protokoll über die Aufteilung Deutschlands nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in „Zonen“; in Bezug auf Berlin hieß es in ihm: „Das Gebiet von Großberlin wird gemeinsam von den bewaffneten Streitkräften der USA, des UK (United Kingdom = Großbritannien = England und seine Partnerstaaten) und der UdSSR (Vereinigte Sowjetrepubliken) ... besetzt.“ Frankreich trat diesem Protokoll am 1. Mai 1945 bei. Ab da waren es also vier Mächte, die Berlin nach den Beschlüssen am 1.7.1945 unter sich aufteilten, und dem entsprechend gab es auch einen Vier-Mächte-Status von Berlin, in dem u.a. die Zufahrtswege von und  nach Berlin geregelt waren. Die „Westmächte“ hatten dabei aber übersehen, dass nur die Luftwege exakt definiert worden waren; bei den Landwegen bleib es bei Willenserklärungen. Deshalb konnte die UDSSR am 24.6.1948 die Landwege sperren, ohne das Vier-Mächte-Abkommen explizit zu verletzen, und andererseits konnten die Amerikaner und Engländer die „Luftbrücke“ aufbauen, die den Sowjets die erste Niederlage im „Kalten Krieg“ beibrachte, die dazu führte, dass sie die Sperrung der Zugangswege am 12.5.1949 wieder aufhoben. 

Ein Passus in den Vier-Mächte-Vereinbarungen besagte, dass in Berlin kein deutsches Militär sein durfte. Dieses Abkommen wurde von der DDR spätestens mit dem Mauerbau 1961 gebrochen, als die NVA, die Nationale Volksarmee, von der Grenze um Berlin an die Grenze durch Berlin beordert wurde. Die Bundesrepublik hielt sich bis zum Ende der Zweiteilung Deutschlands an dieses Berlin-Abkommen.

Vopo

Volkspolizei, euphemistischer Name für die Polizei im Namen des Volkes.