Dr. Hendrik Hansen[1]: Die Kapitalismuskritik von Karl Marx – Grundlage für eine gerechtere Gesellschaft?
Karl Marx ist wieder da. Nachdem in den neunziger Jahren kaum jemand etwas von ihm wissen wollte – einen Propheten, der offenkundig geirrt hat, will man nicht hören – haben die Finanzkrisen in den vergangenen zwei Jahren zu einem neu erweckten Interesse an Marx geführt: Marx wurde, so eine nicht nur unter Linken weit verbreitete Meinung, von den Bolschewiki und ihren Genossen in der DDR nur missbraucht; die totalitäre Zentralverwaltungswirtschaft war nicht sein Projekt. Er war vielmehr der große Theoretiker der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus – der einzige Ökonom, der Wirtschaftkrisen nicht (wie die sogenannten Neoliberalen) ignorierte oder sie – wie Keynes – auf kontrollierbare Störungen reduzierte, sondern der die immanente Widersprüchlichkeit des Kapitalismus schonungslos aufzeigte und zugleich verdeutlichte, in welchem Ausmaß die Politik im Kapitalismus zu einer Marionette ökonomischer Interessen wird.[2]
Diese Einschätzung findet sich nicht nur bei Anhängern der Partei „Die Linke“, sondern auch bei Personen, die nicht im Verdacht stehen, Marxisten zu sein. So betonte Peer Steinbrück in einem Spiegel-Interview im Zusammenhang mit der Finanzkrise, dass „gewisse Teile der marxistischen Theorie doch nicht so verkehrt sind“, denn: „Ein maßloser Kapitalismus, wie wir ihn hier erlebt haben mit all seiner Gier, frisst sich am Ende selbst auf.“[3] Und der Erzbischof von München-Freising, Reinhard Marx, kokettiert mit seinem Namensvetter, indem er sein Buch „Das Kapital“ nennt und es mit einem freundlichen Brief an seinen großen Gegner und zugleich „lieben Namensvetter“ beginnt: „Ich schreibe Ihnen […],“ – so heißt es dort – „weil mir in letzter Zeit die Frage keine Ruhe lässt, ob es am Ende des 20. Jahrhunderts […] nicht doch zu früh war, endgültig den Stab über Sie und Ihre ökonomischen Theorien zu brechen“. [4] Karl Marx habe, so der Bischof, die negativen Auswirkungen der Globalisierung des Kapitalismus auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesehen – und er habe ein ganz ähnliches Ziel wie die katholische Soziallehre verfolgt: Sie will wie Karl Marx „soziale Ungerechtigkeiten aufdecken und anprangern“ und sie möchte wie er „den Armen und Ausgebeuteten […] eine Stimme geben und ihnen zu ihrem Recht verhelfen“ (ebd., S. 12).
Angesichts der katastrophalen Wirkungen des Marxismus-Leninismus in der DDR und in den kommunistischen Staaten insgesamt, wo die Umsetzung der Ideologie annähernd 100 Millionen Tote,[5] zerfallene Städte und zerrüttete Seelen zurückgelassen hat, ist diese wohlwollende Einschätzung erstaunlich. Sie zwingt zu einer genaueren Auseinandersetzung mit Marx, denn angesichts dieser Katastrophen ist die aktuelle Renaissance der Marxschen Theorie eine bedenkliche Entwicklung. Ich werde im folgenden einen Aspekt der Theorie von Marx behandeln, der in der aktuellen Debatte immer wieder als seine bleibende Leistung dargestellt wird: die Krisentheorie des Kapitalismus. Nach der Darstellung dieser Krisentheorie im ersten Abschnitt befasst sich der zweite Abschnitt mit der Frage, inwiefern diese Theorie dem Anspruch einer ökonomischen Analyse des Kapitalismus gerecht wird. Auf der Grundlage der Kritik der Krisentheorie folgt abschließend eine Einschätzung, ob Marx’ Kapitalismuskritik den Weg in eine gerechtere Gesellschaft weisen kann.
I. Die Krisentheorie als Zentrum der Kapitalismuskritik von Marx
Die Krisentheorie von Marx beruht auf seiner Analyse des Akkumulationsprozesses des Kapitals und auf dem „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“. Die Grundlage für diese Theorien liefert wiederum die Arbeitswertlehre, die im „Kapital“ bewusst am Anfang steht. Die folgende Darstellung ist deshalb in vier Schritte unterteilt: 1. Arbeitswertlehre, 2. Akkumulation des Kapitals, 3. das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, 4. die Krisenneigung des Kapitalismus.
1. Arbeitswertlehre
Die Arbeitswertlehre zielt auf die Erklärung des Tauschwertes der Waren und setzt somit an der Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert an. Jede Ware hat einen Gebrauchswert, insofern sie dazu nützt, ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen.[6] Der Tauschwert hingegen ist vom Nutzen einer Ware und ihrem Gebrauchswert unabhängig; er bezeichnet eine Relation zwischen Waren und damit ein Gemeinsames, das es ermöglicht, unterschiedliche Waren miteinander zu vergleichen (ebd., S. 51). Das Gemeinsame besteht darin, dass alle Waren Produkte menschlicher Arbeit sind: Abstrahiert man von dem Gebrauchswert –der für alle Waren unterschiedlich ist –, so ist das Gemeinsame von Waren nur, „daß in ihrer Produktion menschliche Arbeit verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist.“ (ebd., S. 52) Die Rückführung des Tauschwerts einer Ware auf die „inkorporierte“ (also die für die Produktion aufgewandte) Arbeit stößt auf zwei Probleme, die Marx durchaus bewusst sind:
- Erstens darf der Maßstab für den Wert einer Ware nicht die effektiv aufgewandte Arbeit sein: Ein Produkt wird nicht dadurch wertvoller, dass es von einem besonders langsamen Arbeiter hergestellt wird. Der Maßstab ist vielmehr die „gesellschaftliche notwendige Arbeitszeit“ (ebd., S. 53), d. h. die bei der verfügbaren Technik („Produktionsbedingungen“) durchschnittlich erforderliche Arbeitszeit.
- Zweitens erfordert die Zurückführung des Tauschwerts der Waren auf Arbeit, dass es sich bei ihr um einen einheitlichen Wertmaßstab handelt. Da auch für Marx die Stunde Arbeit eines Ingenieurs einen höheren Wert hat als die eines Hilfsarbeiters, sollen die unterschiedlichen Qualitäten auf „gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit“ reduziert werden (ebd., S. 52): Unterschiedliche Qualitäten werden also jeweils als ein Vielfaches „einfacher Arbeit“ verstanden.
Alle Werte werden somit allein durch Arbeit geschaffen – weder die unternehmerische Findigkeit, noch das eingesetzte Kapital, noch die Natur haben einen Anteil an der Wertschöpfung.
2. Akkumulationsprozess
Die Arbeit ist in der Lage, mehr Werte zu schaffen, als erforderlich sind, um die Subsistenz des Arbeiters zu sichern, und das ist die Grundlage für den kapitalistischen Akkumulationsprozess. Im Regelfall bekommt der Arbeiter einen Lohn in Höhe des Existenzminimums; den Wert, den er über die Höhe seines Lohnes hinaus schafft (= Mehrwert) eignet sich der Kapitalist an; in dieser Aneignung des Mehrwerts besteht die Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten. Der Kapitalist wiederum wird durch den Wettbewerb gezwungen, einen großen Teil des Mehrwerts, den er sich angeeignet hat, zu reinvestieren, um seine Produktion auszudehnen . dadurch verwandelt er den Mehrwert in Kapital, also aufgehaufte Arbeit, die er akkumuliert.
Der Wettbewerb zwingt den Kapitalisten, seinen Kapitalbestand fortwahrend auszudehnen:
Die Akkumulation hat im Geschichtsverstandnis von Marx eine zweifache Bedeutung. Einerseits ist sie fur die Arbeiter negativ, weil die Macht der Ausbeuter gesteigert wird:
Andererseits werden durch den Akkumulationsprozess die Produktivkrafte weiterentwickelt, und davon will der Sozialismus nach der Revolution zehren:
3. Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate
Der Prozess der Akkumulation des Kapitals verlauft nun nicht gradlinig, sondern es kommt fortwahrend zu Krisen. Das hangt wesentlich mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate zusammen.[7] Marx geht davon aus, dass fur das Uberleben der Kapitalisten im Wettbewerb nicht der absolute Gewinn entscheidend ist, sondern das Verhaltnis des Mehrwerts, den er abschopft, zum eingesetzten Kapital. Dieses Verhaltnis bezeichnet er als Profitrate (Ĩ), die somit definiert ist als:

Das eingesetzte Kapital wird von Marx weiter unterteilt in das konstante Kapital (c, in heutigem Sprachgebrauch: fixes Kapital) und das variable Kapital (v):

Das variable Kapital besteht vor allem aus den Löhnen und dient somit der Finanzierung der allein wertschöpfenden Arbeitskraft, während das konstante Kapital „tote Arbeit“[8] darstellt: Gebäude, Maschinen etc., in denen frühere Arbeit geronnen ist. Da nun allein die Arbeit Werte schafft, kann der Mehrwert der Produktion (m) nur im Umfang der Erhöhung des variablen Kapitals (v) steigen. Da nun der Akkumulationsprozess des Kapitals zu einer fortschreitenden Konzentration führt und damit der Umfang des konstanten Kapitals (c) stetig zunimmt, wächst der Nenner (c + v) notwendig in größerem Umfang als der Zähler (m). Das Verhältnis beider, die Profitrate, sinkt somit stetig.
Marx betont nun, dass diese Gesetzmäßigkeit nur als Tendenz gilt, denn es gibt „entgegenwirkende Ursachen“[9] – Maßnahmen, die die Kapitalisten ergreifen können, um auf die sinkende Profitrate zu reagieren. Zu den wichtigsten zählen die „Erhöhung des Exploitationsgrades der Arbeit“ und die Senkung des Arbeitslohnes: Wenn die Arbeiter genötigt werden, für den gleichen Lohn schneller zu arbeiten, steigt der Mehrwert m, ohne dass die Lohnkosten (d. h. der Nenner) sich verändern, so dass die Profitrate steigt. Wird der Arbeitslohn gesenkt, so sinkt der Wert des variablen Kapitals (und damit der Wert des Nenners) und die Profitrate steigt. Die gegenläufigen Ursachen können jedoch das mittelfristige Sinken der Profitrate nicht aufhalten, und so versuchen die Kapitalisten, zumindest das Niveau ihres Profits durch eine Ausweitung der Produktion zu halten.
4. Krisentheorie
Die Ausdehnung der Produktion führt zur Überproduktion. Dadurch, dass viele Waren nicht absetzbar sind, kommt es zu einem Einbruch der Profite und in der Folge zu einem Sturz der Aktienkurse an den Börsen. Die Krise bewirkt dann eine massive Kapitalentwertung. Zusammengefasst ergeben sich Krisen aus folgender Entwicklung:
- Im Wettbewerb kommt es zu einem Konzentrationsprozess;
- dadurch sinkt die Profitrate;
- auf die sinkende Profitrate reagieren die Kapitalisten mit einer Verschärfung der Ausbeutung und mit einer Ausweitung der Warenproduktion;
- die Überproduktion führt zu einer Krise, in deren Folge es zu einer massiven Kapitalentwertung kommt.
Aufgrund der tendenziell sinkenden Profitraten werden die Krisen immer gravierender; es kommt zu einer fortschreitenden Konzentration des Kapitals und zu einer zunehmenden Verelendung des Proletariats. Dadurch verschärft sich der Klassenkampf und es kommt letztlich – mit „eherner Notwendigkeit“[10] – zur proletarischen Revolution[11].
II. Ideologische Grundlage der Krisentheorie: Arbeitswertlehre und Klassenkampf
Was ist nun, in der Zusammenschau, das Spezifische an Marx’ Krisentheorie und an seiner Kapitalismuskritik? Zunächst fällt auf, dass die Krisentheorie von Marx die Funktion hat, den notwendigen Untergang des Kapitalismus zu erweisen. In der Krise spitzt sich der Klassenkampf zu; das ist der Grund, weshalb er sich für sie interessiert. Wer sich heute auf Marx’ Werke stützt, um dort Anhaltspunkte für die Erklärung der aktuellen Krise zu finden, wird höchstens fündig, wenn er die Prämisse teilen will, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat.
1. Einwände gegen die Arbeitswertlehre
Diese Prämisse ist in empirischer Hinsicht gewagt, denn der Kapitalismus hat immer wieder bewiesen, dass Krisen seine grundsätzliche Produktivität nicht erschüttern können. Zudem resultiert die derzeitige Krise nicht aus dem Kapitalismus als solchem, sondern aus einer spezifischen Interaktion zwischen Regierungen (die, im Fall der USA, den Immobilienboom staatlich gefördert haben, oder im Fall Griechenlands eine maßlose Verschuldungspolitik betrieben haben), Notenbanken, die die Zinssätze sehr niedrig gehalten haben, und skrupellosen Investmentbankern, denen die Regierungen jedoch gerne zugesehen haben, solange sie Gewinne machten. Diese Zusammenhänge kann Marx’ Krisentheorie nicht erklären – es sei denn, man reduziert seine Kapitalismuskritik auf die schlichte Behauptung einer Beherrschung der Politik durch die Ökonomie.
In empirischer Hinsicht ist noch eine weitere Annahme der Krisentheorie fragwürdig: Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate setzt voraus, dass es im Kapitalismus eine allgemeine Tendenz zur Konzentration gibt, so dass das konstante Kapital c im Vergleich zum variablen Kapital v stetig zunimmt. Diese Annahme ist, wie zahlreiche Untersuchungen beweisen, falsch, denn die Konzentration entwickelt sich in verschiedenen Branchen sehr unterschiedlich; [12] zudem bezieht sich die von Marx behauptete Konzentration auf die Betriebe als Produktionsstätten; dort, wo tatsächlich besorgniserregende Konzentrationsprozesse zu beobachten sind, handelt es sich um Unternehmenskonzentration (also den Zusammenschluss mehrerer Betriebsstätten und nicht das Wachstum dieser Betriebsstätten selbst).
Gravierender ist jedoch der theoretische Mangel dieser Krisentheorie: Das Gesetz setzt die Arbeitswertlehre voraus, denn der Nenner des Quotienten, der die Profitrate beschreibt, steigt ja nur deshalb langsamer als der Zähler, weil eine Zunahme des Mehrwerts allein auf einen größeren Einsatz an variablem Kapital (also: an Arbeit) zurückzuführen ist, während das konstante Kapital als tote, geronnene Arbeit unproduktiv ist. Welche philosophische Bedeutung die Arbeitswertlehre hat, wird Prof. Zehnpfennig im folgenden Vortrag noch zeigen und damit auch verdeutlichen, dass das „Kapital“ nur im Zusammenhang mit Marx’ Frühschriften verstanden werden kann. Ich beschränke mich hier auf einige ökonomische Einwände gegen die Arbeitswertlehre, die in theoretischer Hinsicht absurd, aber in ideologischer Hinsicht für Marx von größter Bedeutung ist.
Theoretisch absurd ist die Arbeitswertlehre, weil sie behauptet, dass allein die Arbeit Tauschwerte schafft. Übersehen wird dabei:
- erstens, dass die Arbeit mit Hilfe von Maschinen und Werkzeugen (also: Kapital) viel größere Werte schaffen kann als ohne dieses Kapital;
- zweitens, dass manche Güter – z. B. Boden – einen Wert haben, ohne dass sie bearbeitet wurden;
- drittens, dass die unternehmerische Leistung, die Arbeit in bestimmte Verwendungen zu lenken, erheblichen Einfluss auf den Tauschwert der Güter haben kann.
Theoretisch absurd ist die Arbeitswertlehre zudem, weil sie die Reduzierbarkeit unterschiedlicher Arbeitsqualitäten auf Arbeitsquantitäten behauptet, ohne zu erklären, wie diese Reduktion von Qualität auf Quantität funktionieren soll. Als Antwort auf die Frage, wie „kompliziertere Arbeit“ in „multiplizierte einfache Arbeit“[13] umgerechnet werden soll, verweist Marx auf die Reduktion unterschiedlicher Qualitäten von Gütern auf Tauschwerte im Tauschhandel, in dem den Qualitäten Preise (Tauschwerte) zugeordnet werden. Doch dieser Verweis ist zirkulär, denn diese Reduktion der unterschiedlichen Güterqualitäten auf Tauschwerte ist es gerade, die mit der Arbeitswertlehre erklärt werden soll.
Marx selbst scheint von seiner Arbeitswertlehre irritiert zu sein, denn am Ende seiner Analyse des Arbeitswerts fällt ihm auf, dass die Arbeit doch nur dann einen Wert schafft, wenn das Produkt der Arbeit auch zu etwas zu gebrauchen ist:
Marx erkennt also, dass der Tauschwert einer Ware mit ihrer Nützlichkeit zusammenhängen muss, meint das Problem aber damit zu lösen, dass er Arbeit entsprechend definiert: Arbeit ist nur das, was nützliche Produkte schafft. Also: wertvolle Arbeit schafft Werte. An diesem Punkt hätte ein guter Analytiker sehen können, dass die Argumentation in einen Zirkel geraten ist – aber es ging Marx wohl nicht um eine Analyse: Es ging ihm um eine Ideologie.
2. Ideologische Bedeutung der Arbeitswertlehre
So widersprüchlich die Arbeitswertlehre ist, so notwendig braucht Marx sie für seine Kritik des Kapitalismus, denn nur auf der Grundlage dieser Lehre lässt sich die gesamte menschliche Geschichte auf einen Kampf zwischen Proletariern und Kapitalisten reduzieren. Nur wenn allein die Arbeit Werte schafft, folgt:
- dass die Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalisten illegitim ist,
- dass die Kapitalakkumulation die Anhäufung von Werten bedeutet, die Arbeiter geschaffen haben,
- dass durch die Verschärfung der Ausbeutung im Zuge der Kapitalakkumulation die Arbeiter von ihrer eigenen Schöpfung unterdrückt werden;
- und dass der Schlüssel zur Überwindung der Ausbeutung in einer revolutionären Veränderung der Besitzverhältnisse liegt: Die Arbeiter müssen sich die von ihnen geschaffenen Werte durch die Expropriation der Expropriateure[14] wieder aneignen.
Die Enteignung der Kapitalisten erfolgt in der gewaltsamen proletarischen Revolution, die jedoch nicht direkt zur Errichtung der vollendeten kommunistischen Gesellschaft führt, sondern zunächst zur Übergangsphase der „Diktatur des Proletariats“[15] – einer Phase, in der das Bewusstsein der Menschen, das noch von der Habsucht des Kapitalismus beherrscht wird, durch die neuen Produktionsverhältnisse umgewandelt wird und in der sich der neue, kommunistische Mensch unter der straffen Führung der Partei langsam herausbilden soll.
Marx’ Analyse des Kapitalismus zielt darauf, die Zuspitzung des Klassenkampfes, der die gesamte Geschichte der Menschheit bestimmt, in dieser entscheidenden Phase der Geschichte aufzuzeigen. Erst im Kapitalismus wird deutlich, dass der Klassenkampf die Geschichte vorantreibt und dass die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die Marx mit „dämonischem Fleiß“[16] untersucht, nur auf eines hinwirken: dass das Proletariat mit Notwendigkeit die Macht erringen und das Gute durchsetzen wird und dass das Übel der Ausbeutung sich von selbst erledigt. Dialektik bedeutet bei Marx, dass der Mensch die Überwindung von Ausbeutung und Unrecht nicht zu seiner Aufgabe machen muss, sondern dass die Ursache dieser Übel, das Privateigentum, sich von alleine vernichtet.
Der Arbeitswertlehre kommt somit eine entscheidende Rolle bei der Reduktion aller sozialen (und allgemein: aller menschlichen) Phänomene auf den Klassenkampf zu. Darin liegt der ideologische Charakter von Marx’ ökonomischer Theorie: Er analysiert nicht ökonomische Entwicklungen, sondern er konstruiert ausgehend von der Setzung, dass nur die Arbeit Werte schafft, ein Bild vom Kapitalismus, dessen analytischer Wert mit dem Wert der Arbeitswertlehre steht und fällt. Ist letztere falsch, so bleibt vom Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate so wenig übrig wie von der Theorie, dass alle menschlichen Beziehungen im Kapitalismus Ausbeutungsbeziehungen sind. Man kann Marx noch nicht einmal zugutehalten, dass er im Gegensatz zu den Harmonielehren der ökonomischen Klassik und Neoklassik die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus erkannt habe – wenn man jemanden, der überall nur Klassenkampf wahrnimmt, zum Krisentheoretiker erhebt, dann müsste man auch Hitlers Ideologie vom Rassenkampf den Rang einer Konflikttheorie zugestehen.
III. Schlussfolgerung
Was bleibt vor diesem Hintergrund von Marx’ scheinbarem Anliegen, eine gerechtere Gesellschaft herbeiführen zu wollen? Diese Frage lässt sich erst vollständig beantworten, wenn seine Vision der kommunistischen Gesellschaft in die Auseinandersetzung einbezogen wird, was Prof. Zehnpfennig im anschließenden Vortrag tun wird. An dieser Stelle sind jedoch bereits zwei Schlussfolgerungen möglich:
1. Die verbreitete Meinung, dass Marx im „Kapital“ eine nüchterne Analyse des Kapitalismus vorlegt, die nur in der Motivation des Analytikers einen moralischen Antrieb hat (nämlich: Mitleid mit dem verelendeten Proletariat), ist nicht haltbar. Marx behauptet zwar, dass er den Kapitalisten nicht moralisch kritisieren wolle, weil der Kapitalist in den Gesetzen des Kapitalismus selbst nur ein Getriebener sei, doch im „Kapital“ ist ständig von „Bereicherung“ und „Ausbeutung“ die Rede, womit eindeutig moralische Wertungen verbunden sind. Gravierender ist aber, dass das logische Fundament dieser Wertungen die bloße Dezision ist, dass nur die Arbeiter Werte schaffen, und sich damit der Humanismus von Marx als Ideologie entpuppt.
2. An dem humanistischen Motiv von Marx’ Kapitalismuskritik lässt einen auch seine Beurteilung des Kapitalismus zweifeln. Marx sah in der Verelendung des Proletariats nicht ein Übel, dass es zu beseitigen gilt, sondern eine historische Notwendigkeit. Das zeigt sich besonders deutlich an einer Stelle, an der er Ricardo gegen die verbreitete Kritik in Schutz nimmt, dieser sei zynisch gewesen, weil der Kapitalismus für ihn notwendig mit Menschenopfern verbunden sei:
Was andere an Ricardo kritisieren – nämlich dass er nicht die Frage nach Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der kapitalistischen Ordnung stellt – hält Marx für Ricardos große Stärke: Der Kapitalismus muss notwendig Menschenopfer auf dem Altar des Fortschritts erbringen, denn nur so schreitet die Geschichte voran und führt – nach der blutigen Phase der Diktatur des Proletariats – zum Endziel der radikalen Gleichheit und kollektiven Glückseligkeit. In dieser Einschätzung der „notwendigen“ Opfer im Kapitalismus wird deutlich, dass für Gerechtigkeit in Marx’ Kapitalismuskritik gar kein Raum ist – zumindest dann nicht, wenn man Gerechtigkeit mit individueller Verantwortung verbindet. Die Frage nach Gerechtigkeit stellt sich nur dann, wenn einzelne Personen für ihr Handeln bzw. die Gestaltung der politischen und sozialen Ordnung verantwortlich sind. Bei Marx soll das gesellschaftliche Übel der Ausbeutung aber nicht durch verantwortliches Handeln überwunden werden, sondern es soll sich im Geschichtsprozess selbst vernichten – jede Form von individueller Verantwortung wird dabei explizit zurückgewiesen, so dass für Fragen der Gerechtigkeit gar kein Raum ist. – Die Entdeckung der Verantwortungslosigkeit des einzelnen für die gesellschaftliche Entwicklung ist jedoch keine spezifische Leistung von Karl Marx – er hat sie von seinem ärgsten Feind, dem Wirtschaftsliberalismus, bloß übernommen: Dort, im Wirtschaftsliberalismus, soll der Markt alles automatisch regeln, was dann bei Marx – zugegebenermaßen in anderer Form – die Geschichte erledigt.
[1] PD Dr. Hendrik Hansen, Professur für politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau, Michaeligasse 13, 94032 Passau; E-Mail: hendrik.hansen@uni-passau.de.
[2] So z. B. Michael Heinrich: Die Finanzkrise nach Karl Marx. Die Spielregeln, nicht die Spieler. In: taz vom 14.1.2009 (http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/die-spielregeln-nicht-die-spieler/, 21.5.2010).
[3] Zitiert nach Sabine Nuss, Anne Steckner und Ingo Stützle: Die Marx-Bubble. Vom Medienhype des Longsellers in Zeiten der Finanzkrise. In: ak – Zeitschrift für linke debatte und praxis, Nr. 533 vom 21.11.2008.
[4] Reinhard Marx: Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen. München: Pattloch, 2008, S. 16.
[5] Stéphane Courtois (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, Bd. 1. München: Piper, 1998.
[6] Karl Marx: Das Kapital, Bd. I, MEW Bd. 23, S. 49.
[7] Siehe zum folgenden: Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3, MEW Bd. 25, S. 221-241.
[8] Kapital I, S. 209.
[9] Kapital III, S. 242-250.
[10] Kapital I, MEW Bd. 23, S. 12; an dieser Stelle im Vorwort zum ersten Band des „Kapitals“ geht es Marx um die Gesetze im allgemeinen, die den Kapitalismus und die menschliche Geschichte bestimmen.
[11] Vgl. ebd., S. 790f.
[12] Vgl. dazu z. B. die Hauptgutachten der Monopolkommission: http://www.monopolkommission.de.
[13] MEW 23, S. 59.
[14] Vgl. Kapital I, S. 791.
[15] „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“ (Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, in: MEW Bd. 19, S. 28; vgl. auch seine Beschreibung des „rohen Kommunismus“ in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“, Hamburg: Meiner-Verlag, S. 83-86.)
[16] Carl Schmitt: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, Berlin: Duncker & Humblot 20109, S. 75.